Das Smartphone als proprietäre Schaltzentrale

Die Möglichkeit Apps auf einem Gerät zu installieren, dass Menschen immer bei sich haben ist vielleicht die größte und folgenreichste Entwicklung in der Consumer-IT der letzten 20 Jahre. Fehler und Versäumnisse haben zu einem Duopol aus Apples iOS und Googles Android geführt und die Geräte werden immer mehr zu proprietären Schaltzentralen.

Ich persönlich würde meine Smartphone-Nutzung als verhältnismäßig konservativ bezeichnen. Ein Smartphone benötige ich primär für Messenger, E-Mails, Telefonie und PIM. Zusätzlich noch für Podcasts und einen RSS Reader und um schnell Fotos schießen zu können. Die meisten anderen Sachen rufe ich direkt im Browser auf und installiere dafür keine extra Apps. Denn im Browser greift ein Inhalteblocker, während die meisten Apps um die Krone in der Rubrik „Wer hat die meisten Tracker“ wetteifern. Entsprechend geben die digitalen Achtsamkeitsberichte auch eine relativ geringe Nutzung pro Tag her.

Dies ist ein Nutzungsprofil, das einen verhältnismäßig einfachen Wechsel zwischen Systemen und mit einigen Abstrichen sogar zu AOSP oder komplett freien Systemen ermöglicht.

In den vergangenen Jahren ist das Smartphone jedoch zunehmend zur Schaltzentrale für diverse Dienste geworden. Aus Sicht der Anbieter ist das nachvollziehbar. Die meisten Kunden haben ein solches Gerät und sie können es oftmals besser bedienen als einen herkömmlichen PC. Das setzte aber eine Entwicklung in der Gang, der man sich kaum – oder nur mit erheblichen Einschränkungen – entziehen kann.

Unproblematisch sind solche Dienste, die auf freien und offenen Standards beruhen. 2FA über OTP Apps kann ich auch über ein AOSP mit einer entsprechenden App aus F-Droid erledigen und setzt keinen Zugriff auf die geschlossenen Hersteller-Stores voraus. Solche Dienste sind allerdings in der Minderheit.

Problematisch sind schon die ganzen proprietären Messenger, deren Benutzung in vielen Kontexten unumgänglich ist. Große soziale Netzwerke (im realen Sinne und nicht die so titulierten Onlinedienste), die ausschließlich via Telegram oder Signal funktionieren halte ich persönlich für einen Mythos.

Hinzu kommen weitere Dienste, die gar nichts mehr mit klassischen Handys oder Kommunikation zu tun haben. Ein erster Schritt in diese Richtungen waren die proprietären Banking-Apps für die TAN-Generierung im Onlinebanking. Die gesetzlich erforderliche Abkehr von den TAN-Listen haben viele Banken diesen Weg gehen lassen. Die bis dahin Verwendung findenden SMS ließen sich auch mit einem normalen Handy empfangen, die Apps setzten bereits ein iOS oder Google Android voraus. Diesem Prinzip folgen nun immer mehr Anbieter. DHL möchte demnächst Packstationen nutzen, die nur noch per App funktionieren, die SMS-Codes hat man bereits abgeschaltet. Krankenkassen setzen zur Abwicklung von Kundenkontakten auf eine App über die man Dokumente und Nachweise fotografiert und übertragt. In diesem Frühjahr hat sich der Staat eingereiht und bietet die Corona Tracing App nur für proprietäre iOS und Android-Systeme. Die Liste lässt sich nahezu unendlich fortführen, so funktioniert beispielsweise die Inbetriebnahme von Sonos Lautsprechern über eine App, der bequeme Online Check-in der DB setzt die Nutzung des DB Navigators voraus usw. usf.

Zu diesen ganzen Diensten kommen noch die eigenen Angebote von Apple und Google. Die mobilen Bezahldienste beider Anbieter übertragen gewissermaßen das Betriebssystem-Duopol in den Mobile Payment-Bereich. Weitere Angebote lassen sicher nicht lange auf sich warten.

Natürlich mag man jetzt bei einigen Sachen wie beispielsweise den Sonos Lautsprechern oder der DHL Packstation argumentieren, dass dies verzichtbarer Luxus ist. Aber Onlinebanking oder Kontakt zur Krankenkasse auch? Die Alternative lautet hier Briefverkehr oder Schalter (sofern es noch eine Bankfiliale gibt) und bedeutet doch erhebliche Einschränkung. Bei der Corona App gibt es schlicht gar keine Alternative mehr.

Es spricht viel für die Fortsetzung dieses Trends in der Zukunft.

Dem Anwender bleibt nur noch die digitale Abstinenz oder die Akzeptanz des gegenwärtigen Zustands und zumindest zeitweisen Benutzung eines solchen Geräts. Ein Stückweit verliert jeder dadurch die Hoheit über die Frage welche Geräte er selbst benutzen möchte und welche Betriebssysteme darauf laufen sollen.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von Mudassar Iqbal via Pixabay 

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