Viele Kommentatoren verweisen hier im Blog und anderswo immer auf den Trend zu Web Apps. Doch lässt sich das wirklich so bestätigen, ist das nur eine Linux-Binnendiskussion oder gar mehr Wunsch als Wirklichkeit?

Web Apps sind ein etwas schwammiger Begriff. Viele Definition gehen in Richtung solche Anwendungen als Web Apps zu bezeichnen, die auf einem Server laufen und im Browser eines Endgeräts aufgerufen und bedient werden. Manche fassen auch Electron-Anwendungen darunter, wohingegen das andere ablehnen, weil diese eine Installation erfordern.

Die Idee zu Web Apps ist nicht wirklich neu. Eine bekannte Fehleinschätzung stammt von Steve Jobs aus den Anfängen des iPhones. Ursprünglich sollte es dort keinen App Store und keine nativen Apps von Dritten geben, sondern lediglich WebApps für Safari. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen wohin dieser Ansatz führte.

Web Apps sind als Ansatz natürlich dadurch nicht gestorben. Neben vielen Spezial- und Nischenlösungen, sowie internen Firmen-Programmen setzt kaum eine Firma so sehr darauf wie Google. Fast jede Anwendung von Google läuft letztlich in Chrome. Mit Chrome OS hat man sogar ein Betriebssystem auf dieser Grundlage geschaffen. Zuletzt hat die Document Foundation LibreOffice auf diesen Weg geschickt. Die Frage ist nur, ob sich dieser – nennen wir ihn mal – „Google-Weg“ wirklich komplett durchsetzt. Immerhin ist Google ein Spezialfall, da hier ein sehr mächtiger Konzern am Desktop nie einen Fuß auf den Boden bekommen hat. Selbst das Such-Addon für Windows XP war damals ein Flop.

In anderen Gefilden ist es nämlich längst noch nicht so weit. Zwar arbeiten viele Entwickler an reinen Web Apps, aber daneben existieren klassische Anwendungen fort und werden ebenfalls weiter entwickelt. So gibt es Microsoft 365 auch als Online-Version, aber wesentlich geläufiger und verbreiteter sind die lokalen Installationen mit Online-Anbindung. Das gleiche gilt für viele der gerade so populären Homeoffice-Lösungen. Dieser Ansatz dominiert auch komplett die mobilen Stores von Android und iOS / iPadOS. Apple baut zwar seine unter iCloud firmierenden Dienste konsequent aus, entwickelt parallel dazu aber Programme für macOS und iOS, die lediglich ihre Daten über die iCloud teilen. Lediglich Einzelplatzsoftware ohne Cloud-Anbindung wird zunehmend zur Seltenheit.

In gewisser Weise haben unsere mobilen Begleiter den Trend zu Web Apps sogar verlangsamt. Wer liest schon seine Mails am Smartphone im Browser oder verwaltet dort seine Termine und Aufgaben? Das ganze App-Ökosystem basiert auf dem exakt gegenteiligen Ansatz. Die Einrichtung von Konten zu Datenabgleich für geeignete Apps ist für viele Anwender wieder viel normaler geworden als am Desktop.

Was zu der Frage führt ob der vermeintliche Trend zu Web Apps nicht mehr Wunsch der mangelgeplagten Linux-Nutzer, denn wirkliche Realität ist? Wird der Desktop wirklich im Stil von Chrome OS zu einem reinen Browser, der lediglich noch als Startplattform für Web Apps dienen?

Wie seht ihr das?


Bilder:
Einleitungs- und Beitragsbild von qimono via pixabay

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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