Symbolbild "Konferenz"

Videoanrufe und Videokonferenzen sind gerade wieder in wichtiges Thema. Schließlich sind wegen der aktuellen Krise tausende Mitarbeiter im Homeoffice und so manche Firma hat entsprechende Strukturen verschlafen. Jami bietet eine gut funktionierende Open Source Lösung und ist leider viel zu wenig bekannt.

Abgrenzung

Videocalls am PC sind ein relativ altes Thema. Den langjährigen Marktführer Skype gibt es seit 2003. Zeitweilig versuchten die Firmen die Technik zum Standard zu erklären und klassisches Telefonieren obsolet werden zu lassen. Man erinnere sich an entsprechende Werbekampagnen mit Apples FaceTime Technologie. Zumindest in Deutschland hat das nicht funktioniert. Nicht mal in Firmen sind Videokonferenzen oder Anrufe Standard, wie die Reaktionen auf die Krise zeigen.

Im privaten Sektor haben die Smartphone-Messenger in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Mit WhatsApp, Signal, Threema & Co lassen sich auch Sprach- und Videoanrufe durchführen. Die mangelnde Konferenz- und Desktoptauglichkeit verhindern aber einen professionellen Einsatz. Lange Zeit habe ich persönlich Wire empfohlen, aber durch den Umzug in die USA und die Verlagerung des Fokus weg von, Transparenz, Privatsphäre und Sicherheit kann man das leider auch nicht mehr machen (siehe: Messenger überarbeitet und Wire entfernt).

Es ist immer noch noch erstaunlich wie viele Firmen und Privatpersonen auf Skype setzen. Die immer stärkere Integration in Office 365 tut hier ein übriges. Es steht immerhin weiterhin der Vorwurf im Raum, dass Microsoft die übertragenen Daten „mitlesen“ kann. Zudem hat Skype seinen technischen Vorsprung eingebüßt. Der Dienst funktioniert nicht besser als vergleichbare Lösungen und die Programme sind wenig performant. Der Dienst konnte zudem seine Fokussierung auf Windows nie wirklich überwinden.

Jami

Kontext

Jami ist vielen unbekannt, dabei handelt es sich um einen alten Bekannten. Früher firmierte die App unter den Namen Ring und SFLphone und war eine reine SIP-Anwendung. Jami ist Open Source und steht plattformübergreifend zur Verfügung.

Jami bietet gegenwärtig zwei unterschiedliche Funktionalitäten in der gleichen Anwendung. Man bietet immer noch einen klassischen SIP-Client, der mit Anmeldedaten eines Providers zur klassischen VoIP-Telefonie am PC geeignet ist. Zusätzlich gibt es Jami-Konten mit P2P-Funktionalität. Beide Kontentypen sind nicht zur Interaktion geeignet. Man kann also nicht von Jami-Konten aus SIP-Clients anrufen und umgekehrt. Allerdings kann man beide Konten parallel betreiben.

Im Folgenden geht es primär um die Videoanruf-Funktion mittels P2P, da SIP-Clients einen eigenen Bereich darstellen und mit gänzlich anderen Programmen konkurrieren, als den oben dargestellten.

Installation

Die App ist plattformübergreifend verfügbar. Auf der Homepage stehen Binaries für Windows, macOS und Linux zur Verfügung. Bei Linux unterstützt man Ubuntu, Fedora, Mint, Denian, Trisquel, openSUSE, CentOS und Red Hat.

Zusätzlich liegt die App auch in vielen Paketquellen wie z. B. denen von Ubuntu und Debian. Anwender mit macOS können Jami auch im Mac App Store herunterladen und installieren.

Unter Linux listet die App einen wilden Mix aus Qt5 und GTK-Bibliotheken als Abhängigkeiten. Hier stellt sich schon die Frage inwieweit die App sauber programmiert wurde oder doch eher ein loses Flickwerk verschiedener Technologien ist. Mangels Detailkenntnisse muss das hier offen gelassen werden.

Bei den Mobilplattformen werden iOS und Android unterstützt. Für letzteres stellt man die App neben dem Play Store auch via F-Droid zur Verfügung, was sehr löblich ist.

Die Installation sollte daher keine Herausforderung darstellen.

Einrichtung

Die Einrichtung eines Accounts ist hingegen nicht so selbst erklärend. Der Hintergrund ist die Datenschutz-orientierte Funktionweise. Man legt im eigenen Sinne kein Jami-Konto an, sondern lediglich ein Konto lokal auf dem Gerät. Benutzername, Passwort etc. sind daher optional und dienen lediglich dem Schutz auf dem Gerät bzw. der leichteren Auffindbarkeit und müssen nicht genutzt werden. Jeder Account ist ansonsten lediglich durch eine sehr lange ID identifizierbar.

Im folgenden wurde das Konto zuerst in der Android App erzeugt, von der ausgehend andere Geräte eingebunden werden sollen. Eine Verbindung eines Kontos mit mehreren Geräten erfolgt über einen PIN. Auf dem Smartphone lässt man das Gerät einen PIN generieren.

Auf dem Desktop wählt man anschließend „Von Gerät importieren“ im Einrichtungsdialog.

Anschließend gibt man den PIN ein. Ein generierter PIN ist 10 Minuten gültig.

Das eingerichtete Konto sollte man sichern, da es nicht möglich ist ein Konto wiederherzustellen, wenn es von allen verbundenen Geräten gelöscht wurde. Ein Backup des Kontos legt man dementsprechend an, indem man es entweder auf mehreren Geräten einbindet und das Verlustrisiko streut oder ein Kontoarchiv erzeugt. Letzteres ist sehr einfach mit den Linux-Clients möglich. Dieser erinnert einen nach der initialen Konfiguration eines Kontos auch sofort an diesen Schritt.

Funktionsweise

Chats, Sprach- und Videoanrufe startet man durch die Eingabe des Benutzernamens der gewünschten Kontaktperson in das Suchfeld von Jami. Bei bestehenden Kontakten entfällt dieser Schritt.

Jami funktioniert grundsätzlich nach dem P2P Prinzip, allerdings können sie auch nicht gänzlich auf Server verzichten. Dieser ist notwendig um z. B. Push-Benachrichtungen an Mobilgeräte zu schicken, um die Erstverbindung eines neuen Clients herzustellen und um Jami-Benutzernamen aufzulösen. Ohne diese Funktion würde es nur die sehr langen IDs geben.

Eine Herausforderung der nahezu Server-freien Funktionsweise sind Konferenzen. Der Konferenz-Host kann weitere Teilnehmer zu einem bestehenden Gespräch hinzufügen. Hierbei wird der Anruf auf dem Gerät des Anrufers verwaltet. Die maximale Anzahl der Konferenzteilnehmer hängt daher von den Hardware-Ressourcen des Host und seiner Bandbreite ab.

Obwohl die meisten Funktionen unter allen Clients zur Verfügung stehen gibt es einige Einschränkungen. Bildschirmfreigabe funktioniert beispielsweise nur mittels der Desktopclients und ist bei Linux auf X beschränkt. Wayland bleibt hier erst einmal außenvor.

Zusammenfassung

In meinen bisherigen Tests funktionierte Jami sehr zuverlässig. Bestechend ist das P2P Konzept, das nahezu ohne zentrale Server auskommt. Die sehr langen IDs sind umständlich, aber die QR-Codes und Benutzernamen federn dieses Problem ein wenig ab. Videoanrufe beruhen zudem meist auf einer vorherigen Absprache und einen kleinen Teilnehmerkreis, bei dem solche Hürden leichter zu meisten sind, als z. B. bei einem normalen Messenger.

Jami eignet sich daher hervorragend für Gespräche zweier Gesprächsteilnehmer oder kleine Teams. Bei größeren Anforderungen sollte man ggf. einen Blick auf Jitsi Meet werfen.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von Mudassar Iqbal via Pixabay 

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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