Symbolbild "Veränderung"

Gegenwärtig teste ich relativ viel mit dem kommenden Kubuntu 20.04 und parallel mit elementary OS. Der optische und funktionale Feinschliff der letzten Jahre gefällt schon und weckt immer mal wieder Gedanken auch mit den Hauptgeräten zurück zu Linux zu wechseln. Doch welche Wechselhürden sehe ich konkret. Ein ganz persönliches Resümee.

Immer wenn ich mit Linux auf realer Hardware arbeite oder neue Varianten teste überkommt mich der Wunsch doch zurück zu wechseln. Die Leistungen der Community sind oft toll und Linux und Open Source sind mir einfach sympathisch. Es fühlt sich einfach richtig an, mit Linux zu arbeiten. Mit Apple komme ich zwar gut klar und Hardware/Software bilden eine gute Symbiose aber Apple macht leider oft unsympathische Sachen, bei denen man sich fragt, ob man sie wirklich mit Geld unterstützen möchte. Ein Nostalgie-Gefühl, das mich bei Windows absolut nie überkommt. Leider muss ich mit den Geräten halt auch produktiv sein und bilanziere immer mal wieder welche Wechselkosten entstehen.

Ich beginne ganz optimistisch mit den Sachen, die absolut kein Problem sind und Ende dann bei den unüberwindbaren Hürden. Vielleicht ändert sich das in den kommenden Jahren und irgendwann stehen am Ende dieses Artikels keine Hürden mehr.

Keine Probleme

Basis & Desktop

Die Linux-Basis und die Desktopumgebungen sind schon lange kein Problem mehr. Ich persönlich hatte schon sehr lange keine Hardware, die unter Linux nicht funktionsfähig gewesen wäre. Die Desktopumgebungen sind hinsichtlich Stabilität und Funktionsvollständigkeit auch durchweg positiv. Egal ob man hier ein eher konservatives Setup mit Xfce oder MATE bevorzugt oder lieber die Mainstream-Umgebungen von GNOME und KDE wählt. Der Wechsel auf Wayland und die damit verbundenen Überwindungen technischer Limitationen und einiger problematischer Sicherheitsaspekte zieht sich zwar länger als gedacht, ist aber kein grundsätzliches Problem.

Browser & Internet

Egal ob man Sicherheit und Datenschutz mit Firefox realisieren möchte oder lieber seine intimsten Geheimnisse an Google mittels Chrome übermittelt. Linux lässt hier keine Wünsche offen. Demnächst gibt es vielleicht sogar Microsoft Edge für Linux. Egal ob surfen oder Medienkonsum – frühere Beschränkungen durch Flash oder DRM gibt es eigentlich nicht mehr.

Schwieriger wird es leider schon mit dem Nachrichtenkonsum. Ich arbeite primär mit RSS Feeds und einer FreshRSS Instanz (siehe: RSS Feeds synchron halten mit FreshRSS). Unter macOS gibt es ein dutzend Clients, die entweder über die Google API oder die Fever API damit synchronisieren können. Linux kennt exakt zwei Clients Liferea und FeedReader. Beides sind GTK-Anwendungen und würden zumindest unter KDE Plasma wie ein Fremdkörper wirken.

Kommunikation & Personal Information Management

Die integrierten macOS Programme Mail, Kalender und Kontakte sind ziemlich komfortabel und funktionieren auch gut. Es gibt aber ausreichend funktionale Linux-Äquivalente. Meiner Meinung nach war bei KDE die Entwicklung von Akonadi eine furchtbare Fehlentwicklung aber die Kontact-Suite funktioniert meist hinreichend. Man fragt sich manchmal wo Kontact heute stehen könnte wenn man nicht dieses Datenbank-Backend Monster geschaffen hätte. Bei GNOME und anderen GTK-Oberflächen bietet Evolution alle gewünschten Funktionen. Die Entwicklung scheint sich dort ebenfalls stabilisiert zu haben. Notfalls kann man schließlich immer noch auf Thunderbird ausweichen, wobei dieses trotz zahlloser Addons meiner Ansicht nach keine vollwertige PIM-Suite ist.

Jabber und Konsorten sind für mich komplett erledigt. Zum Glück bieten alle verbreiteten Messenger Webclients für den Desktop. Hier ist man also plattformunabhängig unterwegs.

Sonstige Tools

Viele kleinere Werkzeuge und für mich nicht ganz so wichtige Anwendungen sind ebenso kein Problem. Ob man nun Apple Karten oder Marble mit OpenStreetMap verwendet macht kaum einen Unterschied. KeePass-Dateien lassen sich unter jedem Betriebssystem öffnen. Bei Bildverwaltung ist DigiKam sehr vielen vergleichbaren Lösungen meilenweit überlegen. Bei vielen IT-nahen Tools wie FTP-Programmen, Konsole oder Virtualisierungslösungen ist die Auswahl unter Linux sogar deutlich besser.

Erste Problemfälle

Grafikarbeiten

Unter macOS habe ich Pixelmator und die Affinity Apps zu schätzen gelernt. Die Programme bedienen sich intuitiv und bieten einen hohen Funktionsumfang. Letzteres bietet natürlich auch GIMP aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass GIMP immer mehr den Anschluss verliert. Das Programm bedient sich noch immer wie vor 15 Jahren. Eine gute Alternative wäre inzwischen Krita, das große Fortschritte in den letzten Jahren gemacht hat. Krita bleibt aber im Kern ein Zeichenprogramm und keine Bildbearbeitung. Das sind keine unüberwindbaren Hürden, aber hier fangen die ersten Abstriche an.

Medienkonsum

Musikstreming spielt für mich keine Rolle und gute Musikplayer gibt es für Linux wie Sand am Meer. Ganz anders sieht das bei Podcasts aus. Die integrierte Podcast-Bibliothek, sowie die Synchronisation über die Geräte hinweg (Apple Hardware vorausgesetzt) konnte ich bisher bei Linux nicht in diesem Maße nachstellen. Es wären vermutlich eine Feed-basierte Podcast-Verwaltung nötig. So mancher Linux-Enthusiast entgegnet da sicherlich, dass genau dies doch eigentlich das technische Merkmal von Podcasts sei, aber die Zeit ist darüber inzwischen hinweg (Spotify, iTunes, Amazon etc. pp.).

Probleme

PDF Bibliothek

PDFs spielen in meinem Arbeitsalltag eine herausragende Rolle. Unter macOS arbeite ich mit PDF Expert. Für Linux gibt es zwar viele PDF-Betrachter (meist auf Poppler-Basis) aber kaum ein vollwertiges Werkzeug für PDFs. Stattdessen muss man mit vielen Kommandozeilenwerkzeugen hantieren oder den Master PDF Editor käuflich erwerben. Mit gut 78 Euro deutlich teuer als die Lizenz für PDF Expert.

Digitalisierung

Ich arbeite mit einem weitgehend digitalisierten Workflow (siehe: Papierloses Büro mit macOS). Das geht zwar theoretisch auch mit Linux (siehe Papierloses Büro mit Linux) aber deutlich schlechter. Die OCR-Ergebnisse mit gscan2pdf sind leider überhaupt nicht vergleichbar hinsichtlich der Qualität und ich konnte hier nie ein ähnliches Niveau erreichen. Umso seltsamer, da das von mir unter macOS genutzte Tool im Hintergrund auch auf Tesseract zurückgreift.

Literaturverwaltung

Literaturverwaltung ist ein sehr zentrales Thema in vielen Wissenschaften und bei Linux – von Zotero abgesehen – Brachland. Vermutlich liegt das an der LaTeX Fokussierung in unter Linux überproportional vertetenen den MINT-Fächern. Zotero wiederum basiert immer noch auf der Legacy XUL-Basis und wird seit Jahren mehr schlecht als recht gepflegt. Wenn ich jetzt unter Linux unbedingt eine Literaturverwaltung benötigen würde, wäre Zotero sicherlich erste Wahl. Wenn ich aber Alternativen in anderen Betriebssystemen so sehe (Citavi, EndNote) ist das schon eine enorme Wechselhürde.

Office

Leidiges Streitthema (siehe: Kommentar: Der Stand von LibreOffice) und deshalb hier knapp gehalten. LibreOffice wäre vielleicht gerne ein vollwertiger Ersatz für Microsoft Office – ist es aber in meinen Augen nicht. Ich habe keine Lust ständig an den Limitationen der Programme Writer, Calc und Impress vorbei arbeiten zu müssen. Zumal ohne Aussicht auf Besserung, da die Entwickler ihre Zukunft in den Wolken sehen.

Banking

Ich verwalte meine Bankkonten, Kreditkarten etc. pp. über die famose Software MoneyMoney. Die App arbeitet im Hintergrund mit diversen Technologien um alle möglichen und unmöglichen Banken zu unterstützen. HBCI, FinTS, Web-Scraping und demnächst vermutlich sogar gegen Abonnement ein Abruf über die PSD2-Schnittstelle.

Unter Linux kommt da funktional vielleicht KMyMoney in die Nähe. Die Integration mit aqbanking ist aber immer hakelig und Updates hinken den Banken immer hinterher.

Fazit

Die Wechselhürden für meine Hauptsysteme sind leider momentan immer noch zu hoch. Allerdings könnte es sowohl bei Linux immer noch positive Entwicklungen geben oder durch berufliche und private Veränderungen variiert sich mein persönliches Anforderungsportfolio. Dieser Artikel dient mir wohl in Zukunft als persönliche Checkliste wenn ich mal wieder mit Migrationsgedanken liebäugel.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von mohamed Hassan via Pixabay 

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Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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