Linux auf dem Desktop ist so ein Dauerbrenner. Hat man gerade sonst nichts zu schreiben, oder will ein paar Seiten in der Kommentarspalte füllen, lohnt sich immer ein polemischer oder humoresker Blick auf den Linux-Desktop.

Nicht ganz in diese Kategorie fällt der recht lange Artikel auf knetfeder.de, in dem auf 15 Jahre Linux zurückgeblickt wird. Der Artikel wirft einen lesenswerten, subjektiven Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte der Linux-Entwicklung und verweist zurecht auf das Erreichte. Lesenswerter vor allem deshalb, weil es nur noch wenige Blogs gibt, die so lange die Entwicklung beobachteten. Allerdings gibt es auch einige Inkonsistenzen in der Argumentation, so wird z.B. einerseits die kurzen Laufzeiten kritisiert, andererseits aber betont, dass man jahrelang die gleiche „Debian-Kiste“ laufen lassen kann. Aber geschenkt!

Zwei zentrale Sätze muss man hier noch hervorheben, die leider in dem Artikel etwas untergehen:

Linux wird auch im Jahre 2016 primär nicht aus Komfortgründen benutzt, sondern eher wegen technischer und politischer Erwägungen installiert.

Linux bleibt weiterhin Einstellungssache – im doppelten Sinne. Es bleibt eine wunderbare Alternative für Individualisten und alle, die mit Windows oder Mac nicht wirklich zufrieden sind – ist umgekehrt aber nicht unbedingt attraktiv für diejenigen, die sich mit Windows und Mac wohlfühlen.

Viele Kritikpunkte sind berechtigt. Überbordende Vielfalt bei den Distributionen und Desktopumgebungen, bei gleichzeitigen eklatanten Mängeln in anderen Bereichen, kann wohl kaum jemand abstreiten. Die Kritikpunkte sind allerdings allesamt unbedeutend, weil sie nicht an der fehlenden Verbreitung auf dem Desktop schuld sind. Sie nerven eventuell bereits bestehende Linux-Nutzer, sind von außen aber fast unsichtbar, weil man tief in der Community unterwegs sein muss, um sie zu sehen. Niemand sagt sich „heute installiere ich Linux“ und schnappt sich einen Datenträger mit Arch Linux und wählt Cinnamon.

Die Entscheidung für Linux ist nach wie vor eine politische Entscheidung, genau wie die Entscheidung für OS X eine Konsumentscheidung ist. Es gibt einfach keinen praktischen Grund kein Windows mehr haben zu wollen. Windows ist ein grundsolides Betriebssystem, das mit minimalem Pflegeaufwand jahr(zehnte)lang funktioniert und eine unfassbar große Palette an Software bietet.

Die Entscheidung gegen Windows rührt also nicht aus den Systemfehlern her, sondern beispielsweise aus einem grundlegenden Unvertrauen in das System. Wenn man den Datenschutzeinstellungen des Systems grundlegend misstraut. Wenn man den integrierten Verschlüsselungsmöglichkeiten nicht hinreichend vertraut. Wennn man glaubt, dass Windows eine derart unsichere Basis ist, dass man sich fast jede weitere Schutzmaßnahme von Kommunikation und Daten auf diesem System sparen kann.

Wenn man sich aus diesen Gründen gegen Windows und für Linux entschieden hat, ist es bedeutungslos, ob es zehn, hundert oder tausend Distributionen und Desktops gibt. Wichtig ist, dass man mit dem System arbeiten kann. Diesen Status hat der Linux Desktop schon lange erreicht. Die anderen Unzulänglichkeiten erträgt man.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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