Der Moment, wenn man eine Linux-Distribution empfehlen soll und einem fast keine einfällt

Jedem Linux-Nutzer wird schon das mal passiert sein: Freunde, Bekannte, Familienmitglieder interessieren sich für das freie Betriebssystem und würden gerne wechseln. Ich halte nichts von missionarischer Open-Source Predigt, aber bei ehrlichem Interesse informiert und hilft man eigentlich gerne. Interesse für Datenschutz ist in Deutschland weit verbreitet und Windows 10 inzwischen bei halbwegs informierten Kreisen massiv in Verruf geraten. Windows 7 wird aber nur noch drei Jahre unterstützt und so mancher Anwender denkt da bereits über Alternativen nach.

Anforderungsprofil

Das Anforderungsprofil für den Desktop war so sehr am Mainstream orientiert, das es schon wieder lächerlich ist. Klassisches Fenstermanagement mit Fensterleiste/-symbolen, bei gleichzeitig modernem Design. Minimale Effekte auf Windows 7-Niveau wurden für die Optik schon gewünscht. Man wollte ja nicht zurück zu einem Windows XP-Niveau.

Das System sollte zudem möglichst wartungsarm und stabil laufen, am besten soll es keine Veränderungen für viele Jahre geben. Eben genau der Zustand, den Microsoft mit Windows bot.

Die Softwareauswahl war hingegen im höchsten maße Linux-Kompatibel, da bisher schon viel mit Open Source Lösungen gearbeitet wurde (vermutlich aus Kostengründen, aber die Motivation ist ja zweitrangig) Bisher wurde Apache OpenOffice, Firefox und Thunderbird genutzt. Das lässt sich mit leichten Abwandlungen (AOO gegen LO) bei jeder Distribution realisieren.

Distributionswahl

Schon die Auswahl der Distribution machte Schwierigkeiten. In Frage kommen eigentlich nur Enterprise/LTS-Distributionen. Rollende Entwicklungsmodelle funktionieren zwar zunehmend gut, könenn aber keinen statischen Funktionsumfang garantieren. Upstream-Änderungen schlagen naturgemäß mit kurzer Verzögerung beim Anwender ein.

Die Auswahl ist hier, trotz des eigentlich unüberschaubaren Distributionsdschungels, recht klein. Debian, Ubuntu und CentOS bieten Laufzeiten die mehrere Jahre abdecken. OpenSUSE Leap möchte sich zwar ebenfalls im LTS-Segment etablieren, erfordert aber für die mehrjährige Unterstützung Distributionsupgrades alle 12 Monate. Mangels konkreter Erfahrungswerte für diese Zwischenupdates entfiel openSUSE daher vorerst - das kann sich in ein paar Jahren natürlich ändern.

Bleiben Debian, Ubuntu (und Derivate) und CentOS. Die genaue Auswahl hängt dann vom gewählten Desktop ab, da Distributionen wie CentOS nicht alle Desktopumgebungen unterstützen.

Desktopauswahl

Die Zahl der verfügbaren Desktopumgebungen ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Insbesondere die Veröffentlichung von GNOME 3 hat hier die Entwicklung nochmal beschleunigt.

Die Anforderung war jedoch ein mehr oder minder klassischer Desktop. Damit fiel GNOME 3 weg, aber auch konservative Desktopumgebungen wie MATE und Xfce fielen durch, da sie letztlich eine Anwendererfahrung der XP-Zeit reproduzieren. Kurzzeitig hatte ich mit MATE + Compiz geliebäugelt, aber das Ende von Unity lässt begründete Zweifel an der Zukunft von Compiz aufkommen und ein totes Pferd zu empfehlen ist auch nie ratsam. Aus dem gleichen Grund entfiel auch Unity.

Bleibt Plasma 5, da sich hiermit ein klassischer Desktop reproduzieren lässt und radikale Veränderungen in naher Zukunft wohl nicht anstehen werden.

Desktop- und Distribution verbinden

Mit der Entscheidung für Plasma 5 waren CentOS und Ubuntu ausgeschieden. Kubuntu ist in 16.04 in einem grässlichen Zustand und eine STS-Version schied wegen der nur neunmonatigen Supportzeit aus. Da der Supportzeitraum für Debian Jessie nicht mehr ewig dauert und Stretch bereits eingefroren wurde, fiel die Wahl auf die aktuelle Debian Entwicklungsversion. Plasma 5.8 ist zudem in einem leidlich stabilen Zustand, problematische KDE-Anwendungen wie KDEPIM sollten sowieso durch Thunderbird & Co ersetzt werden.

Riesige Auswahl und keine Möglichkeiten

Linux präsentiert sich auf dem Desktop als Dschungel, der einem halbwegs versierten Anwender scheinbar unendlich viele Optionen präsentiert. Wenn man aber mit einem konkreten Anforderungsprofil (z.B. lange Laufzeit und klassisch-moderner Desktop) konfrontiert wird, schrumpft dieser Dschungel schnell auf ein Minimum zusammen. Um ein Haar wäre fast keine Option mehr übrig geblieben.

Der Linux-Missionar würde jetzt argumentieren, dass man halt seine Gewohnheiten ablegen muss und rollende Entwicklungsmodelle doch gar nicht so viel Kenntnis erfordern. Missionieren bringt aber nur selten zufriedene Nutzer, vor allem weil die Anforderungen selten irrational geäußert werden, sondern einer speziellen Erwartungshaltung (die natürlich von Windows geprägt wurde...) entspringt. Anwender, die man krampfhaft zu neuen Verhaltensweisen missioniert, werfen meist schnell frustriert hin und sind für den Linux-Desktop verloren. Enthusiastische Wechsler brauchen vor allem anfänglich schnell ein Erfolgserlebnis um dann (hoffentlich) in einem langen Lernprozess das System kennen zu lernen und eventuell irgendwann auch alte Windows-Gewohnheiten abzulegen.

Manchmal fragt man sich in dieser Situation, ob sich das Linux-Universum in tausenden Forks und Neuentwicklungen vollkommen verzettelt und den normalen Anwender irgendwo auf dem Weg verloren hat. Bei mehreren hundert Distributionen und einem halben Dutzend unabhängiger Desktopumgebungen sollte doch mehr als nur ein einziger halbwegs zukunftsfähiger Desktop/Distributionsmix bei herauskommen.

Was hättet ihr in dieser Situation empfohlen?

Kommentare

hoergen

Ich frage mich, warum alle so über Kubuntu schimpfen? Ich benutze Kubuntu seit Jahren und empfinde die Distribution als stabil und gut, so dass ich es auch immer weiter empfehle. Bisher waren alle glücklich damit. Nenne doch bitte mal die Gründe für die Aussage über Kubuntu.

Cruiz

Ich habe nichts gegen Kubuntu im allgemeinen, sondern gegen die aktuelle Version 16.04 im speziellen. Die ist einfach nicht gut gelungen. Das lag natürlich am Zustand von Plasma, aber auch an den Schwierigkeiten bei Kubuntu im Vorfeld.

Cruiz

Das fehlende Vertrauen in die GNOME-Entwickler. Was ist, wenn beim nächsten Release wird irgendwelche Funktionen gestrichen werden? Dann hat man einen Desktop empfohlen, denn man dem Umsteiger in ein paar Jahren wieder weg nehmen muss.

Martin

Warum hast du eigentlich nicht Cinnamon betrachtet?
Ich nutze es selbst nicht, da ich mit Gnome3 sehr gut zurecht komme, aber soweit man hört soll es die klassische Konfiguration mitbringen ohne dabei so altbacken wie XFCE oder Mate zu wirken.
Cinnamon ist bestimmt auch für Debian Stretch verfügbar. Zum jetzigen Status von Debian Stretch würde ich das auch bedenkenlos Linux-Anfängern installieren.

Rayman

Dass Cinnamon nicht in die engere Auswahl fiel wundert mich auch, da es eigentlich die oben beschriebenen Anorderungen erfüllen sollte. Und wenn Cinnamon, dann kann man ja auch gleich zu Linux Mint greifen, welches ja auch Langzeitunterstützung genießt. Die Version 1.8 Serna ist derzeit aktuell. Vor allem das neue Mint-Y-Theme macht schon was her.

Peter

zitiere Rayman:
Dass Cinnamon nicht in die engere Auswahl fiel wundert mich auch, da es eigentlich die oben beschriebenen Anorderungen erfüllen sollte. Und wenn Cinnamon, dann kann man ja auch gleich zu Linux Mint greifen, welches ja auch Langzeitunterstützung genießt. Die Version 1.8 Serna ist derzeit aktuell. Vor allem das neue Mint-Y-Theme macht schon was her.

Mint mit Cinnamon würde ich auch weiterempfehlen.

Torsten

Also, ich persönlich empfehle meistens Lubuntu oder Xubuntu. Beide haben den Vorteil, daß diese auf älteren, sowie auch auf neueren PCs gut laufen, ein einfaches und schlichtes Design, bzw. Optik haben und einen neuen Nutzer nicht überfordern mit unnötigem Schnickschnack, wie das zB bei Kubuntu der Fall ist. Das ist meine persönliche und subjektive Meinung und ich liege da fast immer richtig, wenn ich entweder Lubuntu oder Xubuntu empfehle und es gab diesbezüglich fast nie grössere Probleme bei meinen Freunden, Bekannten, etc.

Cruiz

Das mag für XP-Umsteiger gelten. Wer von Windows 7 kommt und eine zeitgemäße Optik erwartet wird mit Xfce und LXDE kaum glücklich. Zumal ist die Zukunft von LXDE vollkommen unklar, weshalb ich es unverantwortlich fände, dieses gegenwärtig einem Umsteiger zu empfehlen.

chris_blues

Ja, ich hätte auch Stretch mit Cinnamon empfohlen. Oder Linux Mint Debian Edition. Beide Distris sind super zu gebrauchen (und fußen auf Debian). KDE4 wäre auch eine Alternative gewesen. Wer weiß wann die 5er Reihe wirklich zuverlässig stabil läuft.

Was an MATE nun XP-mäßig ist, versteh ich auch nicht so richtig...

Jruß
chris

JaAber

Hmm, das war aber nicht Bestandteil deiner Anforderungen. Deine GPL-Interpretationen sind für mich jetzt nicht der Maßstab. Ich denke, man sollte Debian, Mint oder Ubuntu empfehlen (alphabetische Reihenfolge), je nachdem, wer das System nachher technisch betreut. Das Mint-Projekt beweist ja doch Durchhaltekraft, habe es allerdings noch nicht benutzt.

Paul

Der vermeintliche Gegensatz "klassischer Desktop" vs. Gnome 3 ist doch schon lange überholt. Man installiert zur Gnome-Shell die Erweiterung "Dash to Dock" und schon hat man im wesentlichen einen Anwendungsstarter wie bei Mac OS und den neueren Windowsvarianten. Wer nicht mal damit zurechtkommt, wird mit Computern seit ca. 10 Jahren generell Probleme haben.

Warum alles exakt wie bei Windows XP aussehen muss, verstehe ich nicht. Mit dem Umstieg auf den Mac haben Windowsnutzer in der Regel ja auch keine Probleme.

tuxflo

Das ist so nicht ganz richtig, die entprechenden Änderungen werden, zumindest in der "normalen" Neon Verison, intensiv getestet. Ich nutze Neon seid dem ersten Release und habe noch keinen Fehler in Plasma gefunden oder Probleme mit KDE/Plasma Paketen gehabt.
Basis ist Ubuntu 16.04, das sollte stabil genug sein.

Cruiz

Das ändert nichts daran, dass funktionale und optische Änderungen im Dreimonatstakt einfließen. Mal abgesehen davon, dass nur ein Narr glauben würde, bei KDE kämen in neuen Versionen nie Fehler hinzu. Ein Anwender, der funktionale und optische Stabilität auf dem Desktop wünscht, braucht das nicht und wäre mit unerwarteten Änderungen oder Fehlern gänzlich überfordert.

tuxflo

Fehler können mit neuen Releases überall auftauchen, habe nicht behauptet, das Neon oder Plasma Fehlerfrei ist oder sein wird.
Bei einer so krassen Auslegung von Stabilität fällt aber auch Windows und macOS raus, da es dort ebenfalls zu optische und funktionale Änderungen gibt.

Matthias

Ah. JETZT verstehe ich überhaupt erst, was du meintest. ;) In der Realität ist das nicht so, wie du sagst. Man bekommt nicht alle drei Monate auf ein mal was ganz anderes vorgesetzt. Optische oder funktionale Änderungen bekommt man als User nicht mit. Gegen aktualisierte Anwendungen hat glaube ich niemand was. Bei vielen Desktop-Anwendungen (z.B. Browser, Office usw.) läuft das mit den Aktualisierungen auch unter Mac und Windows automatisch. Die verändern sich ja nicht so, dass der User da auf einmal nicht mehr mit arbeiten kann. Zudem gibt es die "User LTS Edition", bei der zwar Anwendungen aktualisiert werden, aber nicht der Plasma Desktop.

Chris

> Die Anforderung war jedoch ein mehr oder minder klassischer Desktop.

Das ist IMO so der Kernpunkt, wo mir nicht ganz klar wird, was du als klassischen Desktop definierst. Einen sehr ähnlichen wie bei Windows 7? D.h. ein Startmenü unten ganz links ein Button, wo man Programmauflistung inkl. Suche und Links zu den wichtigsten Orten/Einstellungen findet? Darf der Button auch irg.wo anders platziert sein? Nach den drei Fragen sollte es schon wesentlich konkreter werden, welche Desktop überhaupt in die nähere Auswahl kommt.

Ansonsten im Idealfall mal zwei Umgebungen per Live-USB-Stick einmal ausprobieren – wenn die Zeit & Geduld dafür vorhanden ist. Das sollte auch schnell klarmachen, was gewollt ist.

> Aus dem gleichen Grund entfiel auch Unity.
Zuerst: Ubuntu 16.04 hat immer noch Support bis 2021 – da ist IMO noch ordentlich Zeit, wenn einem der Workflow von Unity zusagt.

Zudem kann man den groben Workflow von Unity schon jetzt mit einer Erweiterung (→ Dash to Dock) unter der GNOME Shell relativ simpel nachbilden. Siehe für mehr omgubuntu.co.uk/.../...

Wie immer gilt: Man muss leider immer irgendwelche Kompromisse eingehen, ist z.B. beim Hardwarekauf ja meist nicht anders. ;)

Stefan

>Was hättet ihr in dieser Situation empfohlen?

Windows

Soll jetzt kein Linux-Bash sein, ich bin selbst seit 20 Jahren Linux-Only-Nutzer. Aber wer eine Alternative zu Windows sucht, die genau wie Windows sein soll - soll halt bei Windows bleiben.

Linux ist nicht Windows - das sollte jedem(!) Umsteiger klar sein.

Klausnome 3

Hallo, recht gute Darstellung und sehr realistisch, was die Anforderung der Umsteiger betrifft.
Ich habe derzeit ca. 600 Windows-Anwender auf Linux umgestellt. Bevorzugt wird eindeutig Mint Cinnamon, da die Lernkurve sehr sehr flach ist, alles übersichtlich und logisch aufgebaut ist und man sich deswegen schnell mit dem System zurecht findet.
Gnome und Unity fielen wegen der Intransparenz weg, XFCE und Mate sind zu altbacken. KDE wird als sehr unübersichtlich und etwas umständlich bewertet.

abbc

OpenSuSE.

Bis auf die Service Packs, die wohl jedes Jahr erscheinen, kommt diese Distribution mMn. Windows am nächsten. Was mag am Windows, bzw. wo sehe ich bei Windows seine Stärken. Anwendung und die Möglichkeit verschiedene Programmversionen zu installieren. Dafür nutzt OpenSuSE den Build-Service. Das heißt man kann auch andere Paket Version installieren und nicht unbedingt die, die OpenSuSE ausliefert.

Ich nutze momentan Leap 42.2 für die Entwicklung. Das bringt PHP 5.5 und PHP 7.0 mit. Im Build-Service liegt aber auch PHP 5.3, 5.4, 5.6 und 7.1 bereit. Alles für Leap 42.2. Je nach Anforderung und Situation, moderne Distribution und benötige Software. Ich kenne keine andere Distribution die Ähnliches anbietet.

abbc

Ja das verstehe ich auch :-)

Ich nutze und teste es im Prinzip auch erst. Der Pfad den Leap jetzt geht, ist noch ziemlich frisch und muss sich in kommenden Jahren erst bewähren. Die Punkte oben haben mich zumindest bis jetzt überzeugt und zwar so sehr das ich mein geliebtes Slackware verlassen habe. Wenn es mir zu dumm wird, gehe ich zurück auf Slack 8)

Ich habe mit OpenSuSE ab Leap 42.1 angefangen und danach auf Leap 42.2 upgrade gemacht. Das hat wunderbar funktioniert, allerdings wird es (noch?) nicht mit einem klick erledigt sondern braucht mMn. fortgeschrittenes Wissen in OpenSuSE und auch Linux. Ich habe mich mehrere Tage darauf vorbereitet. Welche Repositorien deaktivieren, welche Änderungen erwarten mich, wie macht man den Upgrade, Backups, was muss man nach dem Upgrade wieder aktivieren, bzw. erledigen.

Da ist Ubuntu, Debian und auch Slack gefühlt um einiges einfacher. Letztendlich war es auch nicht schwer, eher ungewöhnlich wenn man viele Jahre mit anderen Distributionen arbeitet.

Matthias

Was die Stabilität und Hardware-Unterstützung angeht, würde ich auf etwas mit Ubuntu 16.04 als Basis setzen. Da gibt es auch durch den HWE noch bis 2021 immer aktuelle Kernels.

Deinen Ansatz mit dem "Parasitären" verstehe ich nicht. Für mich kämen je nach Einsatzzweck folgende Desktop-Oberflächen in Frage:

- Unity: läuft noch mindestens bis 2021 stabil, aber da sind Neu-Nutzer sicher bereit bzw. interessiert genug sich anzuschauen, was es sonst so gibt. Ein Upgrade auf 18.04 mit Gnome3 wird problemlos möglich sein. Das Gnome3 wird anfängerfreundlich konfiguriert sein und der Umstieg wird glatt laufen
- Budgie: kann man in 16.04 über ein PPA nachinstallieren. Macht für mich einen sehr einsteigerfreundlichen Eindruck. Bin allerdings selbst noch dabei das zu testen. Ist aber mein aktueller Favorit
- Cinnamon: bei allen drei Linux-Neunutzern, die ich damit versorgt habe, hab es über die Zeit unterschiedliche Stabilitätsprobleme (im Gegensatz zu bspw. Unity). Würde ich aktuell nicht empfehlen, fidne ich aber eigentlich gut.
- KDE: da gibt es mit KDE neon eine absolut solide fertige Distro auf Basis von 16.04, absolut empfehlenswert.
- Gnome3: Ich hab da wenig Erfahrungen, es soll aber für Anfänger nicht so schlecht sein. Hater sind wohl nur die alten Linux-Hasen wie wir. ;-) (der Nautilus Feature-Loss macht mich immer noch wütend)

Cruiz

Option 1 halte ich für falsch, weil es bereits mit 18.04 aufgegeben wird. Wenn jemand mühevoll sich neu eingewöhnt, sollte man ihm das neue System nicht sofort wieder wegnehmen. Option 3 und 4 sind keine stabilen Distributionen, Option 5 ist kein klassischer Desktop mit Fensterleiste & Co.

Dass ich Cinnamon schlicht vergessen hatte, habe ich ja bereits geschrieben.

abcd

Ich verstehe das Theater um die Desktop-Oberflächen nicht. Es gibt zig Varianten die sich letztlich nur in Details unterscheiden (Gnome3, Cinnamon, Unity, Mate, Budgie), scheinbar wird wegen jeder Kleinigkeit geforkt. Ich behaupte, dass diese Details für Neueinsteiger ziemlich irrelevant sind und sehe das Problem eher darin, das schon grundlegende Sachen auf dem Linux-Desktop nicht funktionieren.

Hardware-beschleunigte Videowiedergabe funktioniert nicht wirklich. Es wird von keinem Browser unterstützt. Es gibt zwei konkurrierende APIs die nicht direkt von allen Programmen/Treibern unterstützt werden. Man muss es manuell installieren und konfigurieren.

Umschaltbare Grafikkarten funktionieren nicht richtig. Unter X11 muss man zum Umschalten entweder den PC neu starten oder Bumblebee verwenden. Letzteres ist ein Hack mit seinen ganz eigenen Problemen. Immerhin ist die Situation unter Wayland deutlich besser.

Mehrere Monitore funktionieren auch nicht richtig. Wenn man unter X11 die Monitore eine zu hohe Auflösung haben oder man sie falsch anordnet, verliert man die Grafikbeschleunigung. Problem ist, dass ein großer Output-Buffer für alle Monitore benutzt wird. Ältere Grafikkarten unterstützten z. B. nur 2048x2048, neuere immerhin 4096x4096 oder 8192x8192. Auch das Problem wird von Wayland gelöst.

Wenn eine Vollbild-Anwendung unter X11 die Tastatur "grabt" und hängen bleibt, kann man sie nicht ohne weiteres beenden. Unter Windows drückt man Strg+Alt+Entf, unter Linux muss man auf ein VT wechseln und das Programm auf der Konsole beenden. Unter Wayland ist das zum Glück nicht mehr möglich.

High-DPI-Monitore funktionieren nicht richtig. GTK3 unterstützt beim Scaling nur ganze Zahlen. Mehrere Monitore mit unterschiedlichen sind DPI erst mit Wayland möglich.

Wayland ist aktuell nur mit Gnome3 nutzbar.

Viele Standardanwendungen laufen unstabil oder träge. (Bei KDE läuft sogar die Desktopoberfläche selber eher unstabil.)

Beim Compositor von XFCE funktioniert noch nicht einmal VSync zuverlässig. xfce4-session startet unter bestimmten Voraussetzungen die Session nicht. Der Dateimanager beim stürzt gerne beim Kopieren/Verschieben von Dateien ab oder aktualisiert den Ordnerinhalt nicht richtig.

Es gibt kein distributionsübergreifendes Paketformat. Unter Android/iOS/MacOS ist die Installation von Software einfacher. Flatpak und Snappy könnten hier Abhilfe schaffen. Wobei Snappy leider nur unter Ubuntu richtig funktioniert. (Bitte nicht behaupten das AppImage eine Alternative sei. Das bietet kein Containment, der Mount-Point ist zufällig (das macht Probleme bei vielen Libraries/Programmen) und das Compilen von Anwendungen ist Vergleich zu Flatpak/Snappy umständlich. Die meisten AppImage-Programme sind auch nur bedingt distributionsunabhängig.)

Klassische Paketverwaltungssysteme sind umständlich. Sobald irgendwas schief läuft, muss man Experte sein, um es wieder zu beheben. Hier wären atomare Updates usw. wünschenswert, damit sich das System selber retten kann.

Eine zentrale Verwaltung von Online-Konten, Kalendern usw. fehlt. Einige Desktop-Oberflächen haben hier eine eigene Lösung mit eigenen Anwendungen. Wobei diese Lösungen wegen fehlenden Features und Bugs auch nur so mittelmäßig funktionieren.

Bei den unzähligen Desktop-Oberflächen, sollte man die unterliegende Infrastruktur nicht vergessen. Neulinge bringen von Windows usw. die Erwartung mit, dass diese Sachen funktionieren.
Die unterschiede im Bedienkonzept sind meiner Meinung nach eher weniger das Problem. Die Leute schaffen es ja auch Android/iOS oder MacOS zu bedienen.

Selber habe ich Linux auf dem Desktop in der Vergangenheit nicht empfohlen und werde es auch in der nahen Zukunft nicht tun. Da soll man am Ende noch beim Beheben von den ganzen Problemen helfen.

Sebastian

So, und zwar genau so, sehe ich das auch. Ich habe alle drei Systeme in der Vergangenheit beruflich eingesetzt, und privat seit vielen Jahren Linux (Debian mit Gnome und XFCE sowie ElementaryOS).

Die Kleinigkeiten und Unterschiede in den Bedienkonzepten zwischen Gnome, KDE, XFCE, MacOS und Windows (XP, 7, 8/8.1 und auch 10), fallen mir kaum auf. Was mich allerdings richtig stört, und mich dazu bewegt auch privat über ein gebrauchtes MacBook nachzudenken, sind die von dir angesprochenen technischen Grundlagenprobleme. Und darüber hinaus:


Als einfacher Anwender sind mir ideologien absolut wurst. Es interessiert mich nicht im geringsten, ob der Codec unfrei ist, oder ein Treiber mit bösen binaries vom Hersteller arbeitet. Ich will, dass es funktioniert. Und es soll dabei stabil, zuverlässig, flüssig und von mir möglichst unbemerkt laufen. Ein bisschen Eye-Candy darf auch gerne sein, hab ich nix dagegen.

Jetzt komm ich aus der technischen Ecke, wenn ich mich lange genug mit einem dieser Probleme beschäftige, finde ich meistens auch eine Lösung. Der Punkt ist: Ich WILL mich nicht (mehr) damit beschäftigen müssen. Meine Zeit ist mir zu schade dafür, vor allem, da ich sehe, dass es auch anders geht (Android bzw. ChromeOS, MacOS, Windows). Und ein einfacher, normaler Anwender, der von Windows oder Apple - Produkten kommt, will sich damit schon erst recht nicht beschäftigen müssen.


Für alle diese Probleme, sehe ich ehrlich gesagt auch keine Lösung im Linuxdesktop. Die Zersplitterung, ewige Diskussionen über dieses und jenes kleine Detail, Ideologien und Persönlichkeiten werden auch für die nahe und mittlere Zukunft keine Begünstigung der Situation sein. Leider.

Aktuell kann ich Freunden und Familie, bei der Frage welche Distribution/Desktop/OS ich ihnen empfehlen würde, keine Linux - lastige Antwort geben. In der Regel empfehle ich Windows 10, wenn es sich um jemanden handelt, der mir egal ist. Personen, die mir Nahestehen, empfehle ich überhaupt nichts, sonder nenne ihnen die Vor- und Nachteile der jeweiligen Systeme und gebe ihnen dann die Möglichkeit alle drei für einige Tage zu testen. Sollen sie sich selbst entscheiden, was ihnen am besten passt.

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