Unbemerkt von vielen greift sich das Oligopol aus Verlagen und Wissenschaftsdienstleistern nach und nach die wichtigsten Literaturverwaltungslösungen, um ihre Ausrichtung hin zu Daten-Analyse-Firmen zu stärken. Nach EndNote folgte Papers, nun ist Citavi an der Reihe. Übrig bleiben nur noch Open Source-Lösungen.

Die Literaturverwaltung war damals einer der Gründe für meinen Wechsel zu macOS. Die Möglichkeiten von Linux waren mir einfach zu beschränkt, denn Literaturverwaltungen sind bei Linux-Programmen oft nicht mehr als digitale Literaturlisten oder „Literaturverwaltungs-Bronzezeit“, wie ich 2015 konstatierte. Ich schätze umfassende Literaturverwaltungssysteme wie Citavi, weil sie meinem Arbeitsstil sehr entgegenkommen. Ich weiß aber natürlich auch, dass man das anders sehen kann. Schon damals hatte ich allerdings Datenschutz und individuelle Datensouveränität bei Forschungsvorhaben im Blick.

Die letzten gallischen Dörfen fallen

Die Welt war damals aber noch „in Ordnung“. Mendeley gehörte zwar schon zu Elsevier, aber EndNote wurde noch von Thompson Reuters entwickelt und Citavi von einer Firma namens Swiss Academic Software GmbH. Die größte Kröte bei Citavi war damals „nur“ die Bindung an Windows als einziger Plattform. Mit Papers gab es für macOS eine „Geheimwaffe“, die so taten, als ob sie ein kleines unabhängiges Start-up wären. Sicher alles keine Open Source Software und natürlich kommerziell agierende Unternehmen, aber eben doch verhältnismäßig kleine Player in einem vielfältigen Markt. Die Angebotslage war nicht perfekt, aber man konnte guten Gewissens damit arbeiten.

Kurz darauf übernahm Clarivate Thompson Reuters und Digital Science führte sein mittelmäßig erfolgreiches Cloud-Produkt ReadCube mit der Neuerwerbung Papers (das man erstaunlicherweise von Springer Nature erwarb) unter dem gemeinsamen Label „ReadCube Papers“ zusammen. Hinter Digital Science steht die Holtzbrinck Publishing Group und neben ReadCube Papers hat man einige Produkte für den Wissenschaftssektor im Angebot. Am bekanntesten unter den Produkten von Digital Science dürfte hier Dimensions sein, das sich anschickt, eine Alternative zu Scopus und Web of Science (WoS) zu werden. vor einigen Tagen erhielt ich eine Ankündigung, in der mir das lang versprochene Citavi Web offeriert wurde. Nach dem Login sah die URL so gar nicht nach Citavi aus und eine kurze Recherche ergab, dass Citavi im Februar von QSR International erworben wurde. Von der Firma hatte ich vorher noch nichts gehört, aber die englischsprachige Wikipedia weiß dazu etwas mehr:

QSR International is the developer of qualitative data analysis (QDA) software products, NVivo, NVivo Server, Interpris and XSight. These are designed to help qualitative researchers organize and analyze non-numerical or unstructured data. Qualitative research is used to gain insight into people’s attitudes, behaviours, value systems, concerns, motivations, aspirations, culture or lifestyles. It is used to inform business decisions, policy formation, communication and research. Focus groups, in-depth interviews, content analysis and semiotics are among the many formal approaches that are used, but qualitative research also involves the analysis of any unstructured material, including customer feedback surveys, reports or media clips.

Artikel: QSR International, zuletzt abgerufen am 20.06.2021

Das liest sich nicht nach einer Firma, der ich mit meiner Literatur- und Wissensverwaltung das Herzstück meiner wissenschaftlichen Arbeit überlassen möchte.


Exkurs: Geschäftsmodelle von Wissenschaftsverlagen & Co

Mit Elsevier und Springer Nature sind schon zwei wesentliche Akteure im Markt der Wissenschaftsverlage genannt. Clarivate (die nun auch ProQuest übernommen haben) und Holtzbrincks Digital Science sind weitere Akteure unter den Wissenschaftsdienstleistern. Sie alle eint ein sehr „spezielles“ Geschäftsmodell, das sich stark simplifiziert folgendermaßen erklären lässt:

Öffentliche finanzierte Forschung wird publiziert in kommerziellen Zeitschriften, die wiederum zu horrenden Summen von öffentlich finanzierten (Universitäts-)Bibliotheken erworben werden müssen, um ihrem Auftrag in der Zurverfügungstellung von Literatur nachzukommen. Dafür streichen die Verlage eine Rendite von bis zu 30% ein.

Mancher mag jetzt denken, wo sind denn hier die Drittmittel, von denen immer alle reden. Nun, die gibt es eigentlich nicht! Es gibt in Deutschland keine Tradition von privatwirtschaftlicher Wissenschaftsförderung. Die Unternehmen haben Grundlagenforschung gerne für Lau (und zahlen dafür nicht mal nennenswert Steuern…). Das was heute meistens Drittmittel genannt wird, hieß früher „Zweitmittel“. Damit waren jene Mittel gemeint, die zwar nicht aus dem eigenen Haushalt stammten, aber dennoch von der öffentlichen Hand in Form von z. B. DFG-Mitteln und BMBF-Förderung. Im neoliberal dominierten Diskurs wollte man das „cooler“ klingen lassen und schaffte die Zweitmittel als Begriff ab, um die Illusion einer nennenswerten Drittmittelförderung zu kreieren. Im Prinzip ist das für den Steuerzahler ein „Linke Tasche, rechte Tasche“-Phänomen.

Weil die Nachwuchswissenschaftlicher im „Ich bin Hanna“-System die Zeitschriften, in denen sie publizieren, faktisch nicht selbst aussuchen können, gibt es in vielen Wissenschaften zwangsläufig ein Oligopol aus relevanten Verlagen.

Die Geschäftsmodelle der Datendienstleister im Wissenschaftssektor sind nicht ganz so einfach zu erklären, aber laufen auf ähnliches hinaus. Ohne diese Dienstleister können Einrichtungen ihre Fördermittelanträge nicht mehr ausreichend belegen und haben keine Grundlage für notwendige bibliometrische Verfahren. Diese sind aber mitunter die Basis für zahlenbasierte Evaluationsverfahren bei Neuberufungen und Mittelvergabe.


Verlage entdecken neue Geschäftsmodelle

Gleichzeitig entdecken die Verlage neue Geschäftsmodelle. Einerseits einfach um neue Märkte zu erschließen, andererseits sicherlich auch, um sich abzusichern, falls die Open Access-Initiative tatsächlich eine Transformation des Publikationssystems schaffen sollte. Die Kriegskassen der Verlage und Wissenschaftsdienstleister sind dank satter Renditen gut gefüllt. Dem Steuerzahlen sei Dank.

Nachdem man bemerkt hat, auf was für einem „Datenschatz“ man durch seine dominante Stellung im Publikationssystem sitzt, möchte man diesen nun heben. Tracking auf den Plattformen der Verlage gehört da ebenso dazu wie die Aushebelung des bisher auf Anonymität ausgerichteten Authentifizierungssystems über Shibboleth. Wer sich für das Thema interessiert, dem seit die Podcast-Folge 197 des Open Science Radio mit Renke Siems und Björn Brembs ans Herz gelegt.

Diese Daten lassen sich natürlich perfekt ergänzen, wenn man nicht nur die Publikationsdaten hat, sondern auch noch Informationen darüber, wie die Forscher so arbeiten. Diese Daten befinden sich zu einem nicht unerheblichen Teil in den Literaturverwaltungen der Wissenschaftler. Also exakt jene Softwarelösungen, die nicht nur seit Jahren auf Cloud-Lösungen umgestellt werden, sondern auch sukzessive in die Hände der großen Player geraten.

Welche Alternativen bleiben?

Um dem wenigstens ein ganz kleines bisschen zu entgehen, bleiben wirklich fast nur noch die klassischen Open Source-Lösungen. Am prominentesten sind hier vermutlich Zotero und JabRef. Daneben gibt es natürlich noch zahlreiche weitere Lösungen, vor allem im Umfeld der BibTex-Manager. Auch hier sollte man aber Abstand von allfällig offerierten Clouddiensten nehmen. Wer weiß schon, wer als nächstes übernommen wird und wohin die Daten dann fließen.

Gemessen an den proprietären Messlatten EndNote, Citavi oder ReadCube ist das mit enormen funktionalen Rückschritten verbunden, aber es bleibt einem keine Alternative, sofern man nicht die Hoheit über seine eigene wissenschaftliche Arbeit preisgeben möchte.

4 Ergänzungen

  1. Wir nutzen vor allem PaperPile als extrem schlanke und problemlose Lösung – allerdings als Plug-in für GDocs.

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