Symbolbild "Treppe"

Vergangene Woche äußerte Sarah Novotny Kritik an den Arbeitswerkzeugen des Linux Kernels. Die Kommunikation über die Kernel Mailingliste und die seit Jahrzehnten etablierten Arbeitsmethoden seien aus der Zeit gefallen und eine unverhältnismäßige Einstiegshürde für Neueinsteiger. Damit legt Novotny den Finger in eine offene Wunde.

Projekte im Linux-Umfeld – vor allem solche mit einer Fokussierung auf den Desktop – drohen massiv zu überaltern. Am Beispiel des Kernels wird dies nun wenigstens in Teilen offen diskutiert. Teile der zentralen Subsystem-Maintainer gehören zur „ersten Garde“ und arbeiten seit Jahrzehnten mit. Die Zahl an jüngeren Entwicklern nimmt seit Jahren ab. Nun gibt es für die großen Open Source Projekte keine exakten Zahlen, aber keines der Projekte im Linux Desktop Umfeld kann sich gerade mit vielen Neuzugängen brüsten. Verfolgt man die einschlägigen Planeten und Mailinglisten liest man immer wieder die gleichen Namen.

Ob hierfür nun die Kommunikationslösungen verantwortlich sind, ob der Umgangston unerträglich ist oder es vielleicht an etwas ganz anderem liegt kann natürlich niemand mit Sicherheit sagen. Mir persönlich kamen Mailinglisten schon 2007 antiquiert vor und auch Projekte wie KDE haben hier kürzlich Modernisierungsversuche unternommen. Die Krisensymptome nehmen insgesamt aber deutlich zu. Man erinnere an den Rücktritt von Michael Stapelberg wegen der veralteten Werkzeuge in Debian oder auch die Debian Projektleiterwahl 2019, bei der ein Kandidat mit einer Modernisierungsagenda antrat und scheiterte.

Die Beteiligung erfahrener Entwickler ist nun wirklich nichts schlechtes aber ihr Übergewicht kann zu einer gewissen Bräsigkeit führen und letztlich zu einem Anschlussverlust an größere Entwicklungen. Zuletzt hat sich hierdurch die FSF und das GNU-Projekt fast unmöglich gemacht. Liest man sich die Kommentare unter dem eingangs verlinkten Heise Artikel durch kann man diese Grundeinstellung sehr anschaulich nachvollziehen. Es dominieren Verachtung für aktuelle Entwicklungen und jüngere Menschen und deren Ansichten. Zwar sind die Mehrheit der Kommentatoren dort keine Entwickler aber meiner Erfahrung nach laufen Diskussion auf den Mailinglisten oft in einem ähnlichen Duktus ab.

Die Community sollte so etwas ernst nehmen. Linux war lange Zeit eine stete Aufwärtsgeschichte. Es stand für eine vollkommen andere Art der Softwareentwicklung und -nutzung, als dies die proprietären Hersteller vorgaben. Die Ideen und Idealer freier Software boten Anknüpfungspunkte für weiterführende Ideen zu freiem Wissen und einer Abkehr von einem allzu einschränkendem Urheberrecht. Diese Ideen sind heute aktueller denn je, aber ausgerechnet die Linux Community hat in Teilen den Anschluss an technische Trends verloren. Thematisiert man diese Probleme, kommen immer jene, die auf die Bedeutung des Linux Kernels für IoT, Server und Android verweisen. Das ist aber bestenfalls ein Rumpflinux, ohne Community, ohne Partizipation und letztlich eine Sackgasse. Linux wäre in diesem Sinne nur noch ein Produkt für die Hersteller proprietärer Geräte.


Bilder:
Einleitungs- und Beitragsbild von tuku via pixabay

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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