Symbolbild "Laptop Buch"

Mein Kommentar über meinen Abschied von Linux als primäres Desktopbetriebssystem hat es sogar bis ins Editorial der LinuxUser 3/17 geschafft.

Mal abgesehen von dieser zweifelhaften Ehre, würde ich behaupten, dass die Bezeichnung „rant“ auf meinen Kommentar nicht zutrifft. Ich schimpfe nicht über Probleme, sondern benenne sie und ziehe Konsequenzen. Der Artikel war zudem eingebetten in eine Artikelserie die sich mit dem gleichen Thema befassten (wenngleich das Ende „Abschied von Linux“ für mich so nicht vorhersehbar war).

Interessant ist aber – und dies völlig losgelöst vom verlinkten Editorial – dass im Umfeld von Linux-Enthusiasten jedwede Kritik an Linux auf dem Desktop zu „Hochverrat“ stilisiert wird. Die LiMux-Debatte der vergangenen Tage hat dies wieder anschaulich illustriert. Probleme werden lieber in endlosen Debatten zu Tode diskutiert, als sich konstruktive Gedanken über Probleme und Aufgabenfelder zu machen. Das betrifft leider Anwender- und Entwicklercommunity gleichermaßen.

Linux auf dem Desktop befindet sich natürlich auf sehr hohem Niveau. Viele Linuxanwender, -kommentatoren und -entwickler sind spätestens von Windows XP oder Vista zu Linux migriert – parallel mit dem Aufstieg von Ubuntu. Gemessen an früheren Linux-Versionen und diesen beiden Windowsversionen funktioniert Linux heute auf dem Desktop sehr gut. Kritische Treiberprobleme sind selten geworden, viele Desktops befinden sich funktional auf hohem Niveau. Gemessen an XP, Vista und auch 7 hat Linux funktional in vielen Bereichen gleich gezogen.

Die Technologie-Welt hat sich aber verändert in den vergangenen Jahren. Das Aufgabenfeld, das wir mit Geräten vom Notebooks bis zum Smartphone bedienen, wächst stetig. Die Ansprüche an die Programme auch. „Mobile“ ist weiter auf dem Vormarsch (auch wenn Tablets eher eine Blase waren) und die Art und Weise wie wir Programme nutzen und Daten speichern verändert sich rasant. So kritisch man diesen Trends z.B. aus Datenschutzsicht auch gegenüber stehen mag, sie bestimmen den Zeitgeist. Gerade ist LiMux daran gescheitert mit eben jenem Zeitgeist mithalten zu können. Das Projekt wurde als Alternative zu Windows XP entwickelt und ist strukturell über diesen Status nie hinaus gekommen.

Die Entwicklung des Linuxdesktops erfolgt jedoch weiterhin in einer Blase. Man konkurriert mit einem imaginären Windowsdesktop, der schon lange nicht mehr tonangebend ist. Man vergleicht mit Windows 95 und Vista, während sich die Welt rasant verändert. Mobile Oberflächen sind über den Technologievorschaustatus bisher nicht hinaus gekommen, aber Linux verfügt inzwischen über mindestens 8 Desktopoberflächen. Während auf anderen Plattformen Daten zwischen speziell angepassten Apps synchronisiert werden, tüfelt man bei Linux noch gerne am Markdown-Editor.

Anstatt als in einer Art Wagenburgmentalität zu leben und imaginierte Schlachten der Vergangenheit zu schlagen, könnte man die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft angehen. Das klappt natürlich nur, wenn man diese zur Kenntnis nimmt und nicht gleich jedwede Kritik als ungerechtfertigt abtut. Die Aufbruchstimmung bei Linux ist nämlich vorbei, auch die Kritik an Windows 10 brachte keine nennenswerte Veränderung am Linux-Desktop. Linux auf dem Desktop steckt in einer Sackgasse.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von Megan_Rexazin via pixabay

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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