Folgen der Kostenlos-Mentalität

Foto: © CrazyCloud / Fotolia.com

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Seit einigen Monaten arbeite ich mobil auf einem MacBook Air mit macOS. Eine Kaufentscheidung, die ursprünglich vor allem aufgrund der exzellenten Hardware getroffen wurde und nicht für das Betriebssystem. Nach einigen Monaten mit macOS muss man leider einige Vorzüge erkennen. Weniger beim Betriebssystem bzw. der Desktopshell, sondern vielmehr bei der Auswahl und Qualität der verfügbaren Programme.

Im Verhältnis von Linux zu Windows wird gerne argumentiert, dass Windows aufgrund seiner enorm hohen Verbreitung lukrativer für Entwickler sei und daher das Programmangebot von Linux aufgrund des niedrigen Marktanteils nicht mithalten kann. Der Haken bei dieser Argumentation ist, dass der macOS-Marktanteil auch im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt - wenngleich wenige Prozentpunkte höher als Linux auf dem Desktop. Trotzdem ist die Auswahl und Qualität der verfügbaren Programme in vielen Bereichen deutlich besser als im Linux-Ökosystem.

Linux ist fest verwurzelt in einem ideologischen Open Source-Umfeld, das immer auch eine (sozial-)politische Komponente hatte. Die Idee frei zugängliche Software zu schreiben hat immer altruistische Entwickler und Personen angezogen. Die Qualität des gegenwärtigen Linux-Systems wurde aber nicht durch altruistische Entwickler erreicht, sondern durch den Erfolg von Linux in vielen Bereichen. Namhafte Firmen tragen heute die Hauptlast der Entwicklung des Kernels und zentraler Komponenten. Vor allem durch die Bedeutung Linux im Serverbereich und im aufkommenden IoT-Markt wird die Entwicklung hier voran getrieben. Das gilt mit Abstrichen auch für den Desktop in seinen Ausformungen KDE Plasma und GNOME. Beide wären in ihrem gegenwärtigen Umfang ohne die Beteiligung von RedHat (GNOME) und bluesystems (KDE) undenkbar. Die wachsende Bedeutung im Spiele-Markt wäre ohne Valve höchst unwahrscheinlich.

Im Anwendungsbereich dominieren aber immer noch die von Freiwilligen entwickelten Projekte. Meist mit einer niedrigen Entwicklerzahl und hoher altruistischer Motivation. Nicht selten wurzeln diese Projekte im Ansatz, dass der Entwickler primär erst einmal für den eigenen Bedarf angefangen hat zu entwickeln. In einigen Bereichen hat Linux auf dem Desktop dadurch eine hohe Qualität erreicht. Das betrifft besonders Sparten, aus denen viele Linux-Nutzer und -Entwickler kommen. Die Zahl und Qualität der Entwicklungsumgebungen ist hoch. Das gleiche gilt für Anwendungsbereiche, die für MINT-Fächer wichtig sind und natürlich Programme von allumfassender Bedeutung wie Browser & Co.

In anderen Bereichen sieht die Situation deutlich weniger gut aus. Das betrifft neben Sparten wie Literaturverwaltung & Co auch Bereiche wie WYSIWYG-Textverarbeitung und Bildbearbeitung. Hier gibt es zwar mit GIMP, LibreOffice und einigen kleineren Projekten namhafte Vertreter, aber das Entwicklungstempo und die Entwicklerzahl ist niedrig und man verliert zur kommerziellen proprietären Konkurrenz zusehends den Anschluss.

Dabei gibt es keinen Zwang Software für Linux unter eine freie Lizenz zu stellen. Es ist theoretisch problemlos möglich proprietäre und kommerziell verfügbare Software für Linux zu vertreiben. Nur geschieht das kaum. Die Diskussion in der Linux-Blase konzentriert sich in diesem Zusammenhang seit Jahren auf die Themen AppStore und Paketierung. Man glaubt, dass eine zentrale Installationsinstanz und distributionsübergreifend verfügbare Programme dieses Problem lösen werden.

Diese Ansätze werden jedoch fundamental scheitern, weil sie am Problem vorbei gehen. Viele mediale Diskussionen drehen sich um AppStores und insbesondere Apples AppStore-Politik wird gerne thematisiert. Das verstellt jedoch den Blick darauf, dass der AppStore bei macOS (noch) nicht die zentrale Vetriebs- und Installationsinstanz ist. Immer noch werden große und wichtige Teile der für macOS verfügbaren Programme am AppStore vorbei vertrieben und auf herkömmliche Art installiert. Versionsübergreifende Kompatibilität ist auch keine besondere Stärke von macOS, weshalb Programme - ähnlich wie bei Linux - oft angepasst werden müssen.

Das Kernproblem ist, dass macOS-Software Käufer findet. Der Markt ist zwar viel kleiner als der von Windows und deutlich weniger von Businesskunden bestimmt, die vorhandenen Anwender sind aber bereit für gute Software zu bezahlen. In der Open-Source Community wird zwar immer gepredigt, dass Freiheit nicht Freibier bedeutet, nur sehen das die Anwender vollkommen anders. Viele Desktopnutzer wechseln auf Linux, weil es preiswerter und besser als Windows ist. Da hilft keine predigt der Open Source-Gemeinde. Die Bereitschaft für Programme Geld auszugeben ist bei den Linux-Desktop-Nutzern sehr gering. Hinzu kommen die Anfeindungen gegenüber proprietärer Software aus einem Teil der Community. In diesem Umfeld ist es weder attraktiv, noch sinnvoll kommerzielle Programme zu vertreiben.

Es wird gerne dagegen gehalten, dass man Software nicht über ein Lizenzmodell monetarisieren muss, sondern auch über Supportverträge, Crowdfunding und Spenden arbeiten kann. Mit ersterem Modell fahren einige Distributoren wie RedHat und SUSE ganz gut, zweiteres Modell hatte einige sehr erfolgreiche Leuchtturmprojekte in den vergangenen Monaten, letzteres gilt als quasi gescheitert. Problematisch ist, dass die Supportvertragsmodelle besonders dort funktionieren, wo Linux bereits erfolgreich ist: Im Firmen- und Serverbereich. Am Desktop ist damit kein Geld zu verdienen. Das merkt zur Zeit auch Canonical, die ihr Engagement im Desktopbereich kontinuierlich zurückfahren und ihre Expertise in anderen Bereichen stärken. Crowdfunding-Projekte funktionieren wiederum nur bei zentralen Projekten mit einer hohen Breitenwirkung. Insbesondere Softwarebereiche, die nicht aus dem Alltagsgebrauch/Multimedia-Bereich kommen können sich so nicht finanzieren.

Die Aussicht ist deshalb zwiespältig. Linux wird weiterhin dort stark sein, wo es bereits jetzt seine Qualitäten hat. Auf dem Desktop bedeutet dies, neben dem Dienst als Surfstation für Anwender mit wenig Anforderungen an den Desktop, vor allem der MINT-Bereich und daraus hervorgehende Berufsfelder. Die Aussicht, dass man quantitativ und qualitativ in anderen Bereichen wachsen kann, ist hingegen deutlich weniger gut, zumal der Desktopmarkt insgesamt unter Druck gerät. Man muss deshalb die Hoffnung nicht aufgegeben, dass bestehende Lücken geschlossen werden, sollte aber auch nicht zu viel Hoffnung haben, dass dies in naher Zukunft passiert.

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