Wenn Linux an seine Grenzen stößt - Wissensmanagement

Foto: jarmoluk / Lizenz: CC0

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Anfang Dezember hatte ich recht abstrakt über die Mängel von Linux in Nischenbereichen geschrieben. Insbesondere in Bereichen, die für klassiche Anwender aus dem MINT-Bereich weniger interessant sind, fällt die Qualität - so zumindest meine Meinung - im Linux-Segment deutlich ab. Mit einer Tendenz zunehmend den Anschluss an andere Plattformen zu verlieren. Entwickler investieren Lebens- und Arbeitszeit nämlich meiner Ansicht nach vor allem aus zwei Motiven: Entweder weil sie es selber benötigen oder weil sie davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Im Kommentarverlauf kam die Aufforderung "Aber du solltest schon Beispiele nennen, wenn du eine so steile These formulierst". Das soll hiermit nachgeholt werden.

Arbeiten am PC bedeutet für mich vor allem Wissensorganisation und klassisches Personal Information Management. Naturgemäß stößt man in Bereichen, die man vollkommen ausreizt auch am schnellsten an die Grenzen des Machbaren auf einer Plattform.

Daher folgt nun eine kleine Auflistung der Möglichkeiten und Grenzen anhand einiger Beispiel:

Literaturverwaltung

Literaturverwaltung ist eine essenzielle Funktion, wenn man mit Monographien und unselbständig publizierter Literatur im drei- bis vierstellen Bereich arbeitet. In den letzten Jahren haben sich hier vor allem drei Typen von Literaturverwaltungsprogrammen etabliert:

  1. Kombinationsprogramme aus Literatur- und Wissensmangement wie Citavi oder Papers.
  2. Reine Literaturverwaltungsprogramme wie EndNote und BibTeX-Frontends.
  3. Cloud-Dienste wie Mendeley.

In meinem Arbeitsablauf benötige ich mindestens die Literaturverwaltung mit Dokumentenorganisation und Annotations-Funktion wie sie Citavi und Papers beherrscht. Natürlich kann man die Dokumente auch separat verwalten und mit einem PDF-Programm mit Anmerkungen versehen. Das kostet aber Zeit und man setzt elektronische Hilfsmittel wie einen PC ein, um effizienter zu arbeiten und nicht um mehr Arbeitszeit aufzuwenden. Es ist schließlich nicht das Ziel Arbeitszeit in die Pflege des Arbeitsgerätes zu investieren. Cloud-Anbieter kommen naturgemäß nicht infrage. Literatursammlungen und -auswertungen stellen einen nicht unerheblichen Teil wissenschaftlichen Arbeitens dar. Das mit Verlagen (wie z.B. im Fall Mendeley) zu teilen, sollte man sich gut überlegen.

Linux bietet hier vor allem BibTeX-Frontends wie KBibTeX oder JabRef. Das ergänzt natürlich perfekt einen LaTeX-zentrierten Arbeitsablauf (siehe obiges Kommentar zum MINT-Bereich), ist aber ansonsten sehr limitiert im Funktionsumfang. Letztlich bietet eine BibTeX-Literaturverwaltung nicht mehr als eine bloße Auflistung der Literaturliste, die man auch tabellarisch erreichen könnte. Einzig Zotero bietet einen leicht erweiterten Funktionsumfang, aber angesichts der Abkehr Mozillas von XUL kann man sich über die Zukunft von Zotero begründete Sorgen machen. Zumal die Entwicklung in den letzten Jahren allenfalls unter dem Gesichtspunkt Produktpflege erfolgte.

Die Schwäche von Linux in diesem Bereich ist umso bemerkenswerter, weil Linux angeblich gerade im universitären Bereich stark sein soll. Das scheint sich jedoch vor allem auf den naturwissenschaftlich/technischen Bereich zu erstrecken. Anders kann man die schwache Aufstellung in dem Bereich nicht erklären. Oder vielleicht liegt es eben doch an der Kostenlos-Mentalität, da sich die Entwicklung von Programmen wie EndNote oder Papers, die beide aus dem Mac-Ökosystem kommen, scheinbar lohnte - trotz eines ähnlich kleinen Marktanteils.

Office

LibreOffice vs. Microsoft Office ist der Klassiker unter den Endlos-Diskussionen. Es sei hier nur der Vollständigkeit halber wähnt. LibreOffice ist einerseits das Flaggschiff unter den Open Source-Projekten, zeigt aber andererseits auch wie kaum ein anderes Projekt die Schwierigkeiten. Vom Funktionsumfang her gesehen kann es mit den proprietären Programmen gleichziehen (MS Office) oder übertrifft sie sogar deutlich (Apple Programme). Funktionale Einschränkungen wie der immer noch fehlerbehaftete Im-/Export von OOXML-Dokumenten kann man dem Projekt nicht wirklich ankreiden. Sie führen aber leider dazu, dass der Anwender - sofern man auf eine nahtlose Zusammenarbeit angewiesen ist - hier auf die proprietäre Konkurrenz ausweichen muss.

Dies kann man aber leider nicht unter Linux. Microsoft bietet sein Office für Android, iOS, macOS und Windows an - jedoch nicht für Linux. Grundsätzliche Abneigung gegen freie Software kann man nach den Veränderungen der letzten Jahre kaum unterstellen. Offensichtlich lohnt es sich aber für Microsoft ihr Office-Programm für macOS zu entwickeln (hier hat man mit der Version 2016 ja nochmal ordentlich Arbeit investiert), wohingegen man scheinbar davon ausgeht, das es sich bei Linux nicht rechnen wird.

Organisation

Organisation ist der Bereich in dem Linux recht gut aufgestellt ist. Der Bereich muss erwähnt werden, damit es nicht den Anschein hat, hier würden nur die Schwächen gelistet werden. Es gibt zwei ernstzunehmende PIM-Programme: Evolution und Kontact und zudem mit Thunderbird ein stabiles Mailprogramm. Mit einem CalDAV-Backend kann man hier recht gut Kommunikation, Kalender und Aufgaben unter einem Dach verwalten.

Jedoch zeigt auch dieser Bereich die Schwächen des Open Source-Entwicklungsmodells. Für altmodische Groupware-Programme finden sich kaum Entwickler. Evolution hat seit Jahren kaum Fortschritte gemacht, Thunderbird befindet sich quasi offiziell im Wartungsmodus und Kontact wird von einer Handvoll Entwickler mühevoll gepflegt. Fortschritte, wie man sie bei den Apple-Programmen oder auch Outlook sieht, sind hier absolute Fehlanzeige. So lange man mit dem status quo leben kann, reicht das jedoch aus.

Wissensmanagement

Wissensorganisation ist der zentrale Teil wissenschaftlichen Arbeitens. Nicht jeder gelesene Text wird sofort in einer eigenen Publikation verarbeitet, sondern meist aufbereitet abgelegt. Dies kann einerseits durch Anmerkungen am Text selbst erfolgen (z.B. in Form einer Kopie/Scan) oder durch Anmerkungen am elektronischen Text. Die meisten PDF-Programme - auch für Linux - verfügen inzwischen über die Möglichkeit Annoationen im PDF zu speichern.

Problematischer wird es, wenn man Gedanken losgelöst von einem bestimmten Dokument organisieren möchte. Sofern man Textdokument-Sammelsurium anlegen möchte, benötigt man dafür ein Tool zum Wissensmanagement. Textdokumente eignen sich zudem kaum, weil sie durch die Fixierung auf Fließtext nur eine eingeschränkte Aufbereitung ermöglichen.

Die proprietäre Welt von Windows und macOS hat dafür in den letzten Jahren einiges hervorgebracht: OneNote, Evernote, Outline und noch einiges mehr. Für Linux gibt es kaum etwas. Hoffnungsvolle Ansätze wie BasKet oder NixNote scheiterten an mangelndem Entwicklerinteresse. Übrig bleiben Markdown-Editoren in unterschiedlichen Ausrichtungen. Auch hier scheint die Zielgruppe im LaTeX-affinen Umfeld angesiedelt zu sein.

Zusammengefasst

Dies ist nur eine kleine Zusammenfassung aus einem zugegebenermaßen recht speziellen Arbeitsfeld. Multimedia-Experten und Fotografen würden vermutlich andere Schwerpunkte setzen - die Erfahrung aus vielen Diskussionen lehrt aber, dass sie kaum zufriedener mit Linux sind.

Das Problem ist auch weniger, dass Linux in einigen Bereichen schwach aufgestellt ist. Problematisch ist vielmehr, dass sich hier seitdem ich Linux nutze (also seit ca. 10 Jahren) nichts getan hat. Während die anderen Systeme bereits 2006 tendenziell überlegen waren, aber der Vorsprung noch recht klein war, sind sie inzwischen geradezu uneinholbar enteilt. Nach so vielen Jahren, in denen Desktops mehrfach komplett neu entwickelt wurden, aber in diesem Bereich nichts geschah, muss man sich fragen ob man das nicht als strukturelles Problem hinnimmt und seinen eigenen Arbeitsablauf auf ein funktionaleres System umstellt.

Kommerzielle Entwicklung lohnt sich vor allem da, wo Supportverträge bereits die Regel sind und aus diesen Dienstleistungsverträgen Entwicklungszeit in freie Software abgeleitet werden kann. Im Enterprise-Umfeld kann Linux seine Stärken daher voll ausspielen und Privatanwender mit Interesse an diesen Bereichen erhalten ein exzellentes Betriebssystem.

Dort wo aber Entwicklerzeit durch den mühsamen Verkauf von Lizenzen an eine Vielzahl von Anwendern finanziert wird scheitert Linux. Das hat weniger mit den Marktanteilen zu tun, was sich Linux-Enthusiasten manchmal einreden, sondern mehr mit der verbreiteten Freibier-Mentalität seiner Anwender. Mit der zunehmenden Abwanderung von ehrenamtlicher Entwicklerkapazität in mobile Bereiche wie Android wird sich dieses Problem noch verstärken.

Kommentare

Ingolf Schäfer

Interesster Beitrag. Ich selbst verwende Zotero unter Linux als Literaturdatenbank, das auch sehr gut mit eigenem Backend-Server funktioniert.

Die Literatur kommt dann mit Hilfe von Plugins in LibreOffice oder BibLaTeX und von da ins LaTeX Dokument. Das ist meines Erachtens auch nicht schlechter als die von Dir genannten kommerziellen Systeme. Zum Notizen machen erscheint mit auf jeden Fall noch Emacs mit Org-Mode erwähnenswert, das aufgrund der hervoragenden Exporter wirklich großartig ist.

Torsten Pauleit

Hallo,
besten Dank für deinen sehr informativen Artikel aber ich sehe es etwas anderes. Seit fast genauso langer Zeit wie du (hoffe "du" ist ok) arbeite ich im privaten Bereich mit Linux (Ubuntu 16.04.) und neuerdings auch wieder mit MS-Windows (Win 10 Prof & Office 2013).
Und ich muss sagen - Windows ist für mich eindeutige überfrachtet, gerade in den Office-Produkten, wie Excel, Outlook etc.
Nicht zu vergessen die elenden "Pleiten - Pech - und Pannen" bei Systemupdates, die nach-wie-vor großen Unsicherheiten bei Viren/Malware & Co (laut Fachpresse)
Es mag zwar für deine beruflichen/privaten Tätigkeit mit Linux einiges im Argen liegen, aber nicht zu Letzt in der Forschung wird immer mehr mit Linux gearbeitet (nicht umsonst arbeiten von 500 Supercomputern alleine 486 mit Linux) und -[wiki] laut wikipeda - ...Linux wird vielfältig und umfassend eingesetzt, beispielsweise auf Arbeitsplatzrechnern, Servern, Mobiltelefonen, Routern,[2] Netbooks, Embedded Systems, Multimedia-Endgeräten und Supercomputern.... [/wiki]
Gruß
torsten

Wabble

zitiere Torsten Pauleit:

Es mag zwar für deine beruflichen/privaten Tätigkeit mit Linux einiges im Argen liegen, aber nicht zu Letzt in der Forschung wird immer mehr mit Linux gearbeitet (nicht umsonst arbeiten von 500 Supercomputern alleine 486 mit Linux) und -[wiki] laut wikipeda - ...Linux wird vielfältig und umfassend eingesetzt, beispielsweise auf Arbeitsplatzrechnern, Servern, Mobiltelefonen, Routern,[2] Netbooks, Embedded Systems, Multimedia-Endgeräten und Supercomputern.... [/wiki]

Diese düften weit überwiegend im MINT-Bereich sein. Das ist ja das Kernargument dieses Artikels.

Wabble

Wie andere Kommentatoren hier nutze ich in den angesprochenen Bereichen Zotero und Zim. Das geht halbwegs, die Nachteile sind aber nicht zu leugnen.

Bei Zim fehlt es ziemlich an der Möglichkeit, plattformübergreifend zu arbeiten. Mac OS geht nur über Krücken, mobile Systeme meines Wissens gar nicht. Da mögen die Linuxpuristen nun sagen "das brauchst Du eigentlich gar nicht", aber die kommerzielle Konkurrenz bietet das halt nun mal. Mir ist Evernote auch nicht sympathisch, aber ich gebe schon zu, dass es um Welten komfortabler und effizienter ist.

Zotero ist an sich eine sehr schöne Sache. Aber wie der Artikel richtig sagt, ist die Zukunft fraglich. Auch findet schon seit Jahren im Wesentlichen keine Weiterentwicklung statt. Und es ist nicht so, dass es nichts zu verbessern gäbe: Z.B. gibt es immer noch keine vernünftige Suchfunktion für Notizen. Eigentlich ein Armutszeugnis und eine echte Behinderung der Arbeit.

Dazu kommt noch, dass man oft auch einfach zur Kompatibilität mit Arbeitgebern und Partnern gezwungen ist. Nur Linux ist bei mir aus diesen Gründen einfach nicht drin. Die Grenzen von Linux existieren, und die Welt wird sich nicht nach ihnen richten.

Pirad

Ich will deiner Grundaussage nicht widersprechen, auch wenn es wirklich schade ist. Es gibt viel freie Software auch mit wirklich guten Ansätzen, aber oft offensichtlich nur zu geringen Budget.
Zum Wissensmanagement: ich bin seit kurzem mit tiddlywiki sehr zufrieden, auch wenn das natürlich ebenfalls seine Einschränkungen hat, die im professionellen Bereich undenkbar wären.

David

Danke für diesen interessanten Artikel, der sehr offen, sachlich und fair berichtet.
Von der Grundtendenz her kann ich dem Artikel nur zustimmen. Von 2009 bis Ende 2014 verwendete ich auf allen meinen Rechnern Linux (vorher Windows): das war eine tolle Zeit, in der ich sehr viel zu Soft- und Hardware gelernt habe und bis auf wenige Ausnahmen, gut arbeiten konnte - grundsätzlich stressfreier als mit Windows, da weit weniger mit Systempflege beschäftigt.

2014 habe ich mit entschieden, beim Desktop-Rechner auf Apple zu wechseln. Und zwar letztlich aus vielen Aspekten, die du auch hier anreist: viele Anwendungen bei Linux werden nicht mehr oder kaum weiterentwickelt. Bis heute gibt es keinen richtig funktionierenden Evernote-Client, mit dem man produktiv arbeiten könnte. Ich wurde zum Fan von Softmaker Office, welches noch immer eine hervorragende Suite ist und mir weitaus mehr zusagt, als LibreOffice. Wobei LibreOffice für sich genommen, schon klasse ist. Das sind nur mal paar Beispiele... Es wird immer schwieriger, gute, schön anzusehende, komfortable Software unter Linux zu finden, die regelmäßig gewartet wird. Oder, wie du oben schreibst: Es tut sich nichts (mehr)...!

Ich würde gerne Geld für Software bezahlen, wenn es sein muss sogar jährlich, wenn nur jemand was bauen würde für Linux. Aber nada. Softmaker ist eine der ganz wenigen Firmen, die offenbar auch mit ihrer kostenpflichtigen Linux-Version (noch?) gut fahren. Aber nur Office reicht im Job eben nicht, wenn man als "Allrounder" sehr viel braucht, von Web-Entwicklung, Grafik usw.

Ja, Apple hat den viel gescholtenen "Goldenen Käfig", ist schweineteuer (Hard- und Software), dafür hat man die Auswahl, die man "braucht". Und ja, wenn ich täglich 8-9 Stunden oder länger vor der "Kiste" hocke, will ich mit vernünftigen Tools arbeiten, die nicht nur gut aussehen, sondern vor allem funktional sind, Produktivität fördern und einfach Laune machen. Zudem brauche ich - nicht nur im Job - eine voll-funktionale Integration mit mobilen Geräten. Und mit Linux ist man da irgendwann aufgeschmissen, wenn es um mehr als Kontakte, Termine und Dateien geht.

Würde viele Tonangeber im Linux-Ökosystem endlich mal die Grabenkämpfe und Desktop-Kriege etwas eindämmen, könnte man durchaus Energie in sinnvolle Apps stecken, um wenigstens etwas Komfort zu bieten und den Anschluss nicht komplett zu verlieren. Mittlerweile habe ich die Hoffnung jedoch aufgegeben.

Sicher, für die meisten privaten Anwender braucht es nicht mehr als einen Linux-Rechner, wenn man ehrlich ist (Surfen, Mailen, Office...). Aber für sogenannte "Poweruser" oder "Pros" (oder wie auch immer man das nennen mag...), wird die Linux-Luft dünner und dünner aus meiner Sicht.

Thoys

Hallo,

deine Kritik verstehe ich total. Während meiner Masterarbeit habe ich mir immer wieder die Fragen gestellt:

- Warum gibt es im FOSS Bereich nicht das allerbeste Literaturverwaltungsprogramm
- Warum gibt es im FOSS Bereich nicht die allerbeste Autocorrektur
- Abseits davon: Warum gibt es im FOSS Bereich nicht die einfachste Mailverschlüsselung
- usw.

Irgendwie hast du recht. Was den Fokus auf den Endanwender angeht, verliert der FOSS Bereich immer mehr den Kontakt. Mag sein, dass Linux absolut gut anpassbar usw. ist. Aber außer ein paar Ausnahmen gibt es immer weniger Betriebssysteme, die ich selber nutzen werde (derzeit bin ich bei Ubuntu).

Und gerade die Literaturverwaltung, Rechtschreibkorrektur und sichere Kommunikation könnte der Welt der freien Software Anerkennung und User bringen. Wenn man weiß, dass freie Software super zum studieren ist, dann würden das die Leute machen. Aber irgendwie klappt das halt nicht.

Ich selber habe mehr Gründe, als die bloße Anwendung, warum ich freie Software nutze. Nur wenn mich einer Fragt, dem die Funktion am Wichtigsten ist, dann wird es schnell eng, gerade, wenn es sich um einen nicht Computeraffinen handelt.

Wäre schön, wenn sich das noch ändern würde.

Schöne Grüße

Dieter R

Von mir auch vielen Dank für deinen Artikel. Da du ja tieferen Einblick in den Gesellschafts- / Geisteswissenschaftlichen Bereich an der Uni hast mal eine Frage: Wie viele Studenten / Dozenten nutzen denn überhaupt Linux in diesem Bereich? Von Bekannten die in diesem Bereich studiert haben kenne ich genau gar keinen und die Bereitschaft umzusteigen liegt etwa in der gleichen Größenordnung :-) Meiner Meinung nach gab es für den von dir angesprochenen Bereich nie einen wirklichen Markt, weil es einfach viel zu wenig Anwender gab und gibt und es noch weniger Argumente gibt umzusteigen (weder hardware- noch softwareseitig).

Wabble

Oder umgekehrt. Ohne Anwendungen (=Angebot) gibt es natürlich auch keinen Markt. Der MINT-Bereich der Uni benutzt ja nicht deshalb (teilweise) Linux, weil dort geborene Linuxnutzer studieren, für die dann Software programmiert wurde, sondern weil Linux in diesem Bereich eben Standardsoftware zu bieten hat.

Dieter R

Mir ist schon klar, dass es sich hier um eine Henne-Ei-Problem handelt. Allerdings würde ich sagen, dass die Lust mit Hardware bzw. Software zu experimentieren im MINT-Bereich deutlich ausgeprägter ist als in den anderen Bereichen. Um das Betriebssystem zu wechseln, braucht es Argumente. Diese können sein:
a) Experimentierfreude
b) Mode
c) Sicherheitsaspekte
d) Kosten
e) Benötigte Software
Argument a), b), e) fällt für Geisteswissenschaftler im Bezug auf Linux an der Uni aus. Bereich c) ist nicht zwingend ein Umstiegsgrund, da ja Windows als auch MacOS bei der richtigen Benutzung sicher seien können. Bleibt das Kostenargument, was aber eine "Freibier-Mentalität" bedeutet und nicht zur Bildung eines Marktes beiträgt.

Ich sehe das aber mittlerweile im privaten / beruflichen Bereich als besonders schlimm an. Da soll jeder das Benutzen was für ihn/sie am besten ist. Viel mehr stört mich, dass im öffentlichen Bereich, der ja in Summe eine wirkliche Marktmacht darstellt, kein open source benutzt bzw. gefordert wird. An dieser Stelle liegt meiner Meinung nach der Hebel für eine weitere Verbreitung.

Ich würde übrigens schätzen, dass der Marktanteil von Linux in den MINT-Fächern auch nur bei max. 20% liegt.

Greebo

Hmmm ich kann mir nicht helfen, aber dein Blogeintrag wirkt auf mich so, als ob du eine eigene Einstellung verifizieren willst. Nicht unbedingt der beste Ansatz für eine objektive Diskussion, aber vielleicht sollte er ja auch nur polarisieren.
-Du lieferst auf die Grundthese klassische MINT-Berufe wären schlecht unterstützt ein persönliches Beispiel. Ich bin jetzt knapp 20 Jahre im I von MINT tätig. Tausende Bücher verwalten musste ich weder im Studium noch in den folgenden Anstellungen. Allerdings bin ich nicht im forschenden Sektor tätig. Natürlich gibt es Leute die so etwas brauchen, aber eben nicht jeder eher kaum einer. In meinem Gebiet (Softwareentwicklung) kann ich mich absolut nicht über mangelnde Auswahl beschweren.

Du schreibst "Microsoft bietet sein Office für Android, iOS, macOS und Windows an - jedoch nicht für Linux.", Android ist (ein furchtbares) Linux. Ob es Sinn macht Mobilbetriebssysteme als Referenz für Workflow anzugeben sei geschenkt. Mac OS heißt übrigens seit bald 7 Jahren OSX. Soweit ich mich erinnere hast du im ursprünglichen Beitrag die These aufgestellt, dass kommerzielle Softwarefirmen Linux neben der mangelnden Desktopverbreitung wegen der Umsonstkultur meiden (korrigiere mich, falls ist das falsch in Erinnerung habe). Es ist sicherlich richtig, dass ein Großteil der Nutzer keine großartige Spendenbereitschaft hat, zumal viele der Projekte auch unter Windows kostenlos zur Verfügung stehen (eben LibreOffice, Firefox, Thunderbird etc.) und dort auch keine große Bereitschaft zu Spenden besteht. Allerdings kann man sich die Zahlen von Projekten ansehen, die einen halb freiwilligen Betrag verlangen. Da fallen mir z.B. die ganzen Spiele Bumble Aktionen ein, in denen die Linuxnutzer regelmäßig vor OSX im Spenden liegen.

-Je weiter ich krittel um so verwirrter bin ich. Zu Anfang schreibst du "Insbesondere in Bereichen, die für klassiche Anwender aus dem M[athematik]I[nformatik]N[aturwissenschaften]T[ech nik]-Bereich weniger interessant sind, fällt die Qualität - so zumindest meine Meinung - im Linux-Segment deutlich ab. " um dann weiter unten fortzusetzen "Die Schwäche von Linux in diesem Bereich ist umso bemerkenswerter, weil Linux angeblich gerade im universitären Bereich stark sein soll. Das scheint sich jedoch vor allem auf den naturwissenschaftlich/technischen Bereich zu erstrecken."

-Thunderbird wird nicht mehr voll von der Apache-Foundation unterstützt, dass ist etwas anderes als Wartungsphase. Thunderbird hat einfach einen Reifegrad erreicht, wo man nicht mehr alles puschen muss. Es gibt eben Projekte die mehr Unterstützung benötigen. Thunderbird Lightning reicht - beispielsweise mir - übrigens als PIM vollends. Hier gebe ich allerdings durchaus zu, dass der Integrationsgrad von MS Outlook um Welten vorne ist.

Zum Mangel von LibreOffice OOXML zu unterstützen empfehle ich einfach mal die Lektüre von de.wikipedia.org/wiki/Office_Open_XML#Kritik
Übrigens hat mir ein befreundeter Informatiker vor einigen Wochen glaubhaft versichert, dass Microsoft im Gegenzug die bereits existierende Unterstützung von ODF in der aktuellen Officeversion wieder entfernt und durch einen Onlineservice ersetzt hat. Wenn man also bedenken hat Cloudservices von Verlagen eigene Texte anzuvertrauen stellt sich mir durchaus die Frage ob es klug ist, stattdessen seine Dokumente in Azure zu speichern (Standard für eigene Dokumente seit IIRC Windows 8.1) b.z.w. zweifelhaften Built-In Konvertern vertrauen soll. Im Ingenieursbereich begegnen mir übrigens bis heute häufig Office 2000 formatierte Dokumente, weil sich viele Firmen auf die Position stellen, dass ein veraltetes funktionierendes Format immer noch besser als der sonst drohende Konverterwahnsinn ist.

Nur meine 5c von Unterwegs. Letztendlich konnte mich dein Beitrag jedenfalls nicht überzeugen, dass im Linux Bereich verstärkt Probleme (von denen es natürlich immer schon welche gab) auftreten.

Cruiz

Zitat:
Du lieferst auf die Grundthese klassische MINT-Berufe wären schlecht unterstützt ein persönliches Beispiel.
Nein, ich behaupte das Gegenteil. Alle Bereiche außerhalb der MINT-Sphäre sind schlecht unterstützt, da die Entwickler naturgemäß vornehmlich aus diesem Bereich kommen und nur für sich selbst entwickeln.

Ich denke aufgrund dieses grundlegenden Missverständnisses erübrigt sich eine vollständige Antwort. Nur einige kleinere Anmerkungen noch:
Zitat:
Mac OS heißt übrigens seit bald 7 Jahren OSX
Und seit einigen Monaten (Veröffentlichung 10.12 "Sierra") wieder macOS.

Zitat:
Je weiter ich krittel um so verwirrter bin ich.
Universität/Wissenschaft besteht nicht nur aus Mint, sondern auch aus den Rechts-, Sozial- (wozu ja immer noch die Wirtschaftswissenschaften gehören) und Geisteswissenschaften. Nur um im modularisierten und spezialisierten Urwald mal die dicksten Brocken zu nennen. Die Divergenz habe ich angesprochen und behaupte die postulierte Stärke in Forschung und Universität ist eine fehlgeleitete Schlussfolgerung der Stärke im MINT-Bereich (wie in daraus hervorgehenden Berufen allgemein) und weniger eine Stärke in der Wissenschaft.

Zitat:
Übrigens hat mir ein befreundeter Informatiker vor einigen Wochen glaubhaft versichert, dass Microsoft im Gegenzug die bereits existierende Unterstützung von ODF in der aktuellen Officeversion wieder entfernt und durch einen Onlineservice ersetzt hat. Wenn man also bedenken hat Cloudservices von Verlagen eigene Texte anzuvertrauen stellt sich mir durchaus die Frage ob es klug ist, stattdessen seine Dokumente in Azure zu speichern (Standard für eigene Dokumente seit IIRC Windows 8.1) b.z.w. zweifelhaften Built-In Konvertern vertrauen soll.
Korrekt, das Problem hat man mit OOXML aber nicht.

Dieter R

"Dort wo aber Entwicklerzeit durch den mühsamen Verkauf von Lizenzen an eine Vielzahl von Anwendern finanziert wird scheitert Linux. Das hat weniger mit den Marktanteilen zu tun, was sich Linux-Enthusiasten manchmal einreden, sondern mehr mit der verbreiteten Freibier-Mentalität seiner Anwender."

Das ist übrigens keine Schwäche von speziell Linux oder Linux-Nutzern sondern eine Folge der Softwarelizenz und der Freundlichkeit der Entwickler auch noch Binaries bereitzustellen . Beispiel Krita: Gibt es für Linux, Mac, Windows, hat professionelle Anwender und hat trotzdem Probleme sich langfristig zu finanzieren. Oder kannst du ein Gegenbeispiel aus dem Windows/Android/Mac-Bereich nennen, dass OSS ist und sich über Spenden/Lizenzen finanziert.

Cruiz

Ja, aber das ist dann eben ein Open Source-Problem. Es gibt außerhalb des Enterprise-Segments mit seinen Supportverträgen kein tragfähiges Finanzierungsmodell. In Zeiten immer komplexerer Anwendungsfälle und -programme limitiert das den Linux-Desktop auf einem gewissen Niveau.

it-frosch

> Die proprietäre Welt von Windows und macOS hat dafür in den letzten Jahren einiges hervorgebracht: OneNote, Evernote, Outline
> und noch einiges mehr. Für Linux gibt es kaum etwas. Hoffnungsvolle
Schau dir bitte mal das ZIM Desktop Wiki an.
Wenn du die recht steile Lernkurve geschafft hast, wirst du begeistert sein.
Verknüpfung von Informationen, textbasierend, ohne DB, integrierte Aufgabenverwaltung mit Terminierung,
Einfach super für Leute die auf 1000 Hochzeiten tanzen und trotzdem den Überblick über ihre Aufgabe nicht verlieren dürfen.

Ich nutze ZIM seit 2 Jahren beruflich und bin ein überzeugter Fan geworden.

it-frosch

> Die proprietäre Welt von Windows und macOS hat dafür in den letzten Jahren einiges hervorgebracht: OneNote, Evernote, Outline
> und noch einiges mehr. Für Linux gibt es kaum etwas. Hoffnungsvolle
Schau dir ZIM Desktop Wiki an in der Portablen Variante.
Damit hast du alles was du braucht, sofern du die steile Lernkurve durchhälst. ;-)

Ich nutze es seit zwei Jahren beruflich und möchte nichts anders haben.
Ideal für Leute die 100 verschieden Themen beackern müssen und trotzdem den Überblick nicht verlieren dürfen.
Integrierte Aufgaben Verwaltung mit Terminen und Prios sowie Suche. Das ganze ist textbasierend ohne DB.

kartoffelsalat

Ich, der ich als Kognitionswissenschaftler täglich mit Linux und macOS arbeite, benutze Docear (www.docear.org/) als Literatur- und Wissensverwaltung. Das Ganze kombiniert Mindmapping (freemind) mit BibTeX-Export (JabRef). Läuft auch unter Windows, leider nur ist die Entwicklung etwas eingeschlafen...

SG

Widerspruch.

Ich komme bei Leibe nicht aus dem MINT Bereich (Jura) und musste bei vielen Punkten dieses Textes energisch den Kopf schütteln.

1.) Literaturverwaltung
BibTeX. per vim. #nuffsaid
Es ist definitiv weit mehr als "nur eine Tabelle" (denn es integriert sich wunderbar in LaTeX und man kann magische Dinge damit tun). Und wenn man sich Notizen machen möchte: Unten beim Wissensmanagement. Lässt sich auch mit Shellskripts und cronjobs automatisieren.

2.) Office
Wenn man es wirklich braucht (Ihr, die Ihr hier angesprochen seid: Ihr habt mein Mitleid. Viel davon.), dann kann man versuchen, WINE für das Microsoft Office zu verwenden. Ich habe es nie getestet, aber es hat inzwischen die Versionsnummer 1.0 erreicht und früher hieß es, dass die erst vergeben werden sollte, wenn Microsoft Office problemlos läuft.
Ansonsten: Wenn man auf den nicht anständig zertifizierten und E³-versifften Microsoft Standard angewiesen ist, ist die Unternehmensphilosophie falsch. Es hat seinen Sinn, dass eine satte Reihe an Staaten und Internationalen Organisationen eindeutig ODF zur Arbeits-Dateiverarbeitung empfehlen.

3.) Organisation
Hier muss ich schweigen, mein Workflow ist auf solche Funktionalitäten nicht ausgelegt; hier kann ich nicht mitreden.

4.) Wissensmanagement
Wenn Ich Dich richtig verstanden habe, nennt sich das Tool was Du suchst "Wiki" und lässt sich in diversesten Geschmacksrichtungen über den Paketmanager Deiner Wahl installieren.

5.) Fazit
Mein Eindruck ist, dass der Beitrag aus der Windows-Sicht geschrieben ist. Meinetwegen auch aus der Apple-Sicht. Da kann Linux regelmäßig nicht mithalten. Im Vergleich zu LaTeX sind (aus mehreren Gründen) sämtliche anderen mir bekannten Programme zum Drucksatz (und darauf läuft es bei Office-Programmen ja hinaus…) einfach nur haushoch unterlegen. Das fängt mit der Maschinenlesbarkeit (grep ftw!) an und geht bei "ich kann es mit git versionieren und verteilt mit meinem Team konfliktfrei daran arbeiten" weiter. Und es ist beileibe nichts für den MINT Bereich. Der NOMOS-Verlag, der MINT-Ausrichtung völlig unverdächtig, stellt eine LaTeX-Vorlage bereit… Man kann damit ne Menge geisteswissenschaftlichen Unsinn anstellen. ;-)

Warum "zu sehr aus der Windows-Sicht"? Der Apple-/Windows-Anwender erwartet eine graphische Oberfläche, die eine riesige Menge Funktionen hat und am besten drei Dinge gleichzeitig kann.
Die UNIX-Philosophie zielt, genau gegenteilig, darauf ab, dass ein Tool einen Job hat, diesen dann aber perfekt beherrscht. Die Kunst ist hier, zu kombinieren und eben anzupassen. Linux ist nicht "vorsetzen und nur noch anwenden". Auch nicht für Endanwender. Linux ist dafür gemacht, dass sich ein Nutzer für sein System interessiert, es kennt und es selbst verbessert.
Dieser Aspekt bleibt beim vorliegenden Artikel völlig außer Acht. Und durch diese Perspektivverschiebung ergibt sich eine Betrachtung, die Ich so garnicht teilen kann.

Grüße!

Wabble

Immer wieder schön, solche Kommentare zu lesen, die sich im Wesentlichen stets gleichen. Es ist ja toll, wenn man die Zeit, die Neigung und die Fähigkeiten hat, die folgende, völlig richtig benannte Anforderung zu erfüllen: "Linux ist dafür gemacht, dass sich ein Nutzer für sein System interessiert, es kennt und es selbst verbessert."

Aber dieser Artikel ist geschrieben, weil nur ein verschwindend geringer Anteil der Computernutzer auf der Welt solche Möglichkeiten hat. Deren Anliegen sind nicht weniger legitim, nur weil sie nicht die Zeit oder das Interesse haben, sich Bibtex per Vim beizubringen. Oder auf Formate jenseits von Latex angewiesen sind. Oder Stress mit dem Arbeitgeber bekommen, wenn sie sich MS Office per Wine antun. Aber zuverlässig kommt immer jemand daher und erklärt diesen Leuten, dass ihre Anliegen eigentlich gar keine Berechtigung haben und sie doch einfach nur alles völlig anders machen müssten.

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