Überwindung der Linux-Grenzen - Wissensmanagement unter macOS

Bild von FirmBee via Pixabay / Lizenz: CC0

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Im vergangenen Dezember bilanzierte ich hier den subjektiv wahrnehmbaren Rückstand der Linux-Programme im Bereich des Wissensmanagements, bzw. des (geistes)wissenschaftlichen Arbeitens (siehe: Wenn Linux an seine Grenzen stößt - Wissensmanagement). Kurz darauf erfolgte der vorerst endgültige Abschied von Linux am Desktop (siehe: Mein Abschied von Linux auf dem Desktop). Damals legte ich zwar den Finger in die Wunde und zeigte bestehende Probleme auf, Lösungen blieb ich aber schuldig.

Wie sieht nun der Workflow ein halbes Jahr später unter macOS aus? Was funktioniert besser, was schlechter? Der Versuch einer Bilanz:

Allgemein gilt, dass sich subjektiv zwischen Linux und macOS quantitativ kaum Unterschiede bei der Software feststellen lässt. Insbesondere im Vergleich zum Platzhirsch Windows ist das Angebot beschränkter. Maßstäbe setzt nach wie vor Citavi, das alle unten genannten Aufgabenbereiche in einem Programm abdeckt, aber leider nach wie vor ausschließlich für Windows verfügbar ist. Lauffähigkeit unter Linux ist selbst mit Wine nicht gegeben und der geplante Mac-Port erblickte nie das Licht der Welt. Qualitativ kann macOS aber Linux bei den Alternativprogrammen hinter sich lassen, das war dann auch der Grund für den Wechsel.

Literaturverwaltung

Literatur- und Wissensmanagement sind in vielen wissenschaftlichen Bereichen ein Kernbestandteil des Arbeitsprozesses. Die unter Linux verbreiteten BibTeX-Frontends wie z.B. JabRef gibt es auch für macOS. Hier ist ein nahtloser Wechsel möglich. Während bei Linux hier auch schon das Ende der Fahnenstange erreicht ist, bleiben jedoch bei macOS noch weitere Möglichkeiten. Konkret sind das insbesondere EndNote und Papers. Zwischen beiden Programmen gibt es Unterschiede, nicht zuletzt auch im Preis. Mein persönlicher Test erfolgte im vergangenen Jahr noch zwischen EndNote X7 und Papers, weshalb letzteres den Vorzug erhalten hat. Ob die Entscheidung bei der aktuellen Version X8 auch noch so ausfallen würde, müsste man separat prüfen.

Mit Papers hat man die Möglichkeit nicht nur herkömmlich eine Literaturdatenbank zu pflegen, sondern damit auch die PDFs automatisch zu verwalten und diese über den integrierten Editor mit Anmerkungen zu versehen. Seine Stärken spielt Papers somit auch erst bei einer weitestgehend digitalisierten Arbeitsweise aus. Wer die Literaturdatenbank letztlich auf eine Titelsammlung beschränkt, dürfte mit BibTeX ausreichend versorgt sein. Anmerkungen lassen zudem sich über ein zentrales Dienstprogramme in allen gängigen Office-Programmen automatisiert verwalten. Separate Plugins für Microsoft Word oder LibreOffice sind nicht notwendig.

Einen ähnlichen Workflow bietet unter Linux nur das proprietäre Mendeley. Dieses verlangt jedoch eine Speicherung in der Mendeley-Cloud, was schon bei Privatdokumenten kritisch ist und bei Forschungsergebnissen gar nicht erst in Frage kommt.

Papers lässt sich hingegen im heimischen WLAN zwischen verschiedenen Geräten synchronisieren. Die optionale Cloudfunktion arbeitet Anbieter-unabhängig, weshalb man sie auch über die ownCloud auf dem heimischen Server abwickeln kann.

Office

Das Thema Office eignet sich um zuverlässig eine Debatte um das Für und Wider von Microsoft Office-Bindungen auszulösen. Es sei hier daher wie im ursprünglichen Artikel nur der Vollständigkeit halber erwähnt. LibreOffice ist ein beeindruckendes Beispiel für die Möglichkeiten (leider auch die Grenzen...) freier Software. Funktional kann es mit den kommerziell vertriebenen, proprietären Alternativen gleichziehen oder übertrifft diese auch deutlich.

Microsoft Office bietet aber vor allem eines: Kompatibilität! Es ist sehr angenehm Dokumente einfach öffnen zu können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, ob die Darstellung nicht so ist wie beim Autor oder die eigenen Überarbeitungen für den Originalautor das Dokument zerstören. Erstaunlicherweise gilt dies auch für Open Document-Dateien.

Die Probleme bei der OOXML-Kompatibilität kann man LibreOffice nur bedingt ankreiden, eine Zusammenarbeit ist vor allem bei aktuellen LO-Versionen auch meistens möglich. Die Zeitersparnis durch den Wegfall immer wieder auftretender Probleme ist jedoch enorm.

Der Bereich Office wäre aber wohl für sich genommen nie ausschlaggebend von Linux weg zu migrieren. LibreOffice ist prinzipiell keine schlechte Software und Kompatibilitätsprobleme lassen sich im Zweifelsfall auch mittels einer virtuellen Maschine lösen.

Aufgabenmanagement

In diesem Bereich setzte ich seit Jahren auf Posteo (siehe: Datenschutz-sensible E-Mail Dienstleister), das wiederum ausschließlich offene Schnittstellen wie CalDAV/CardDAV nutzt. Die Zusammenarbeit mit der Kontact-Suite war immer passabel. Kontact ist halt Kontact - Leidensgenossen wissen wovon man spricht.

Ähnlich wie bei KDE gibt es unter macOS nicht ein einziges PIM-Programm (es sei denn man setzt auf ein Drittpogramme wie Microsoft Outlook), sondern unterschiedliche Programme für Mails, Kalender und Kontakte, die aber alle miteinander harmonieren und auf die Daten aus den anderen Programmen zugreifen.

Unter macOS lassen sich nun auch andere Bestandteile sinnvoll in den Arbeitsablauf integrieren (siehe: Posteo als Informationsmanagement-Dienst für macOS). Die beiden Apps Notizen und Erinnerungen ermöglichen die Verwaltung und Synchronisation von Aufgaben und kurzen textbasierten Notizen zwischen den Geräten.

Die Funktionen sind unter Linux natürlich auch irgendwie da, aber die notwendigen Schnittstellen scheinen durch die PIM-Programme unter Linux nicht unterstützt zu werden.

Wissensmangement

Wissensorganisation ist - wie bereits damals vermerkt - der zentrale Teil wissenschaftlichen Arbeitens. Nicht jeder gelesene Text wird sofort in einer eigenen Publikation verarbeitet, sondern meist aufbereitet abgelegt. Die meisten PDF-Programme - auch für Linux - verfügen inzwischen über die Möglichkeit Anmkerungen im PDF zu speichern. Überraschenderweise ist sogar die mac-eigene Allzweckwaffe "Vorschau" hier den meisten Linux-Programmen deutlich überlegen. PDFs neu anordnen, Seiten entfernen und neue hinzuzufügen, geht ohne Drittprogramme. Fairerweise muss man anmerken, dass dies bei Linux auch ging - aber eben nicht so komfortabel.

Problematischer wurde es, wenn man Gedanken losgelöst von einem bestimmten Dokument organisieren möchte. Sofern man kein Textdokument-Sammelsurium anlegen möchte, benötigt man dafür ein Tool zum Wissensmanagement. Textdokumente eignen sich zudem kaum, weil sie durch die Fixierung auf Fließtext nur eine eingeschränkte Aufbereitung ermöglichen. Für Linux gibt es kaum etwas. Hoffnungsvolle Ansätze wie BasKet oder NixNote scheiterten an mangelndem Entwicklerinteresse. Übrig bleiben Markdown-Editoren in unterschiedlichen Ausrichtungen. Auch hier scheint die Zielgruppe im LaTeX-affinen Umfeld angesiedelt zu sein.

Unter macOS kann man auf ein dutzend Lösungen zurückgreifen. Besonders praktikabel hat sich hier neben der Microsoft-Lösung OneNote, dessen unabhängiges Pendant Outline herausgestellt.

Mit Outline lassen sich im OneNote/Evernote-Stil Notizen und Dokumente aller Art weitestgehend frei drapieren und anordnen. Unter Linux versuchte lediglich BasKet diesen Ansatz umzusetzen, scheiterte aber an mangelndem Interesse.

Fazit

Ein Jahr nach dem Erwerb des MBA und ca. 6 Monate nach der Umstellung auf einen Mac-Desktop habe ich die Entscheidung nicht bereut. Auch wenn es für macOS die Allzwecklösung Citavi nicht gibt, kommt man hinsichtlich des Arbeitskomforts mit verschiedenen Anwendungen an ein ähnliches Ziel. Insbesondere im Bereich der Literaturverwaltung und der Wissensorganisation sind die Lösungen unter Linux deutlich beschränkter. Die restlichen Anwendungsfälle sind eher kleine Komfortgewinne, auf die man notfalls auch verzichten könnte.

Wieso sind die Programme für macOS qualitativ hochwertiger? Diese Frage habe ich mir ganz allgemein auch schon gestellt (siehe: Folgen der Kostenlos-Mentalität). Fakt ist: Fast alle hier gelisteten Programme haben Geld gekostet, manche sogar recht viel. Hinter vielen Programmen stehen Firmen und professionelle Entwicklerteams. Das gleiche Geld (und vielleicht auch mehr) hätte ich gerne unter Linux ausgegeben, um nicht das System wechseln zu müssen. Unter Linux gibt es aber in diesem Bereich keine erweiterten, kostenpflichtigen Programme. Im Kostenlos-Segment bewegt man sich unter macOS (und Windows) dann wieder auf einem ähnlichen Niveau wie bei Linux.

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