Kommentar: Daten als Faktor einkalkulieren

Bild: © Trueffelpix / Fotolia.com

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Die Digitalisierung unseres Lebens beschleunigt sich rasant. Was in der medialen Diskussion vor allem mit den Schlagwörtern Industrie 4.0 und der Furcht vor Arbeitsplatzverlust verknüpft ist, zeigt sich im Privatleben durch die ständige Zunahme von digitalen Diensten. Manche dieser Dienste sind kostenfrei, andere berechnen eine monatliche Gebühr und alle erheben sie Daten - manche mehr, manche weniger. Zusammen genommen entsteht ein digitales Spiegelbild des Menschen. Die wenigsten beziehen das jedoch in ihre Kalkulation mit ein. Dabei sollten sie genau das tun.

Die Zahl der Dienste hat in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Kommunikation erfolgt seit Jahren digital, zunehmend mit Sprach- und Videonachrichten über eine Vielzahl an Dienstanbietern, Musik und Fernsehen konsumiert man zunehmend über so genannte Streaming-Anbieter, Nachrichten liest man Online, teilweise auch vorgefiltert durch die Blase der sozialen Netzwerke oder redaktioneller Angebote. Hinzu kommt natürlich noch die digitale Einkaufswelt, die den lokalen Einzelhandel zunehmend verdrängt. Neben diesen offensichtlichen Diensten gibt es noch kleiner Nischen, wie die regstrierungspflichtigen Paketstationen, Fitnesstracker mit Personalisierung etc. pp.

Diese Liste könnte unendlich fortgesetzt werden. Ausmaß und Umfang der Nutzung variieren sicherlich individuell, aber kaum jemand wird auf all dies verzichten. Es gibt den schönen Merksatz "bezahlst du kein Geld, bezahlst du mit deinen Daten". Das ist richtig und falsch zugleich. Natürlich refinanzieren sich Unternehmen, die keine Abonnementgebühren von ihren Kunden verlangen, verstärkt über den Verkauf von Kundeninformationen und/oder personalisierte Werbung. Das bedeutet aber nicht, dass kostenpflichtige Dienste keine Daten erheben. Die größte Lüge im Internet heißt "Ich habe die AGBs gelesen und verstanden". Millionenfach angeklickt und abgenickt.

Jeder dieser Dienste erhebt in seinem kleinen Bereich Informationen über den Kunden. Die Anbieter haben sogar recht, wenn sie behaupten, dass dies für die Qualität unumgänglich ist. Der Kunde möchte schließlich von seinem Streaminganbieter auf neue passende Angebote hingewiesen werden. Wenn man jedoch all diese Daten miteinander verknüpft, entsteht ein ziemlich komplettes Bild des Menschen. Was er tut, hört, guckt, liest und so weiter. Noch geschieht das nicht, weil viele Angebote sich auf verschiedene Anbieter verteilen, aber die Monopolisierungstendenzen der Internetwirtschaft lassen beunruhigendes ahnen. Daten, die einmal erhoben sind, lassen sich nur schwer kontrollieren. Niemand weiß, was zukünftig damit alles möglich ist.

Das ist kein Plädoyer für einen Rückschritt in die Steinzeit. Auf viele dieser digitalen Dienste kann man schon alleine deshalb nicht mehr verzichten, weil das analoge Pendant bereits tot ist. Andere Dienste bieten einen derart großen Mehrwert für den Nutzer, das ein Rückschritt in vor-digitale Zeiten mit einem großen individuellen Verlust verbunden ist. Wer möchte schließlich schon noch lineares Fernsehen gucken?

Allerdings sollte man bei der Abwägung über Vor- und Nachteile eines Dienstes den Datenaspekt aktiv einbeziehen. Dazu muss man nicht paranoid sein. Jeder wägt permanent ab, ob sich etwas für einen lohnt. Finanzielle Kosten werden hier von den meisten Menschen ganz selbstverständlich kalkuliert. Genau so selbstverständlich sollte es sein, den Verlust an Privatsphäre einzukalkulieren. Man sollte sich immer Fragen "Welche Daten erhebt der Dienst und möchte ich das wirklich preisgeben?".

Musikstreaming ist beispielsweise ein häufig genutzter Dienst. Viele Menschen hören aber nur eine kleine Musikauswahl. Vermutlich wäre es weder ein finanzieller Verlust noch ein Komfortverlust, wenn sie diese Musik wieder normal kaufen und auf ihre Endgeräte verteilen würden. Selbst Smartphones haben heute riesige Speicher. Trotzdem teilen sie Monat für Monat ihre Daten mit dem Anbieter.

Man sollte den Daten- und Privatsphärenverlust einkalkulieren. So mancher Dienst wird dann unrentabel für einen selbst. Natürlich kommt dann sofort das Argument, es nütze nichts auf einen Dienst zu verzichten, da eh schon alles bekannt sei. Jede entzogene Information hilft, das digitale Spiegelbild etwas weniger komplett zu machen. Wer glaubt nichts verbergen zu haben, sollte sich zudem daran erinnern, dass vor 1999 Egoshooter ganz normal waren bzw. in der öffentlichen Diskussion kaum vorkamen. Allerdings gab es dann 1999 auch noch keine Liste der Spieler, wie sie heute so mancher digitiale Spieledistributor sicher hat. Man kann nicht die Entwicklung jeder Debatte und deren Konsequenzen voraussehen.

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