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openSUSE Tumbleweed mit Pantheon Shell

Pantheon ist die Desktop-Shell von elementary OS. Als freie Software kann sie natürlich auch von anderen Distributionen angeboten werden und das geschieht auch zunehmend. Bei openSUSE bisher nur in Form eines OBS-Projekts aber die Qualität ist hervorragend.

Vorgeschichte

Nach meiner "Rückkehr" zu Linux habe ich es erst mal wieder mit KDE versucht (siehe: Linux 2016 bis 2020 - Eine paar nicht ganz ernste Betrachtungen). Meine AMD Renoir Plattform wird durch den aktuellen elementary OS Kernel (bzw. faktisch natürlich Ubuntu 18.04) einfach nicht unterstützt. Ich dachte, ich wüsste, worauf ich mich bei KDE einlasse (siehe. Tschüß KDE) aber die Probleme kamen von gänzlich unerwarteter Stelle. Eigentlich vermutete ich das chronisch verbuggte KDEPIM oder die Plasma-Shell würden mich ärgern, vielleicht auch die völlige Abwesenheit von Design-Profis - zum Hauptproblem wurde aber ausgerechnet KWin. Dabei dachte ich mal, dass der Fenstermanager die Stärke von KDE wäre. Ich arbeite mit einem Setup bei dem ein Notebook per USB-C Dock an einen Monitor angeschlossen wird. Für KScreen und KWin wohl Raketentechnik. Fenster öffnen sich nach dem Zufallsprinzip auf den Monitoren, meistens in einer völlig unsinnigen Größe. Besonders beliebt: Firefox so groß auf dem Notebook-Screen, dass die Fensterelemente jenseits des Bildschirmrandes waren. Dadurch lernt man wenigstens, wozu es die Verschiebe-Funktion im Kontextmenü der Fensterleiste gibt.

Zweites großes Ärgernis. Die vollkommen unsinnige Spaltendarstellung beim Start. Ein Beispiel gefällig?

Welche Informationen sollen einer solchen Darstellung zu entnehmen sein? Und das ist bei allen Programmen so! Es ist mir völlig unverständlich, dass dieses Problem seit Jahren nicht behoben wurde. Aber vermutlich fällt das den KDE Entwicklern gar nicht auf. Wenn man nämlich das Problem mit KWin und der Fensterplatzierung recherchiert, stößt man auf Äußerungen im Stil von "Keine andere Desktopumgebung bekommt das besser hin, das geht technisch nicht". Ich ziehe meinen Hut vor so viel Arroganz und Betriebsblindheit.

Wie schrieb ein Leser so nett "Ich verstehe gar nicht warum du dich so rumquälst." Ich auch nicht mehr, daher bin ich nun endgültig weg.

Mein Problem war nämlich die fehlende Unterstützung meiner Hardware durch elementary OS. Ich halte die Entwicklungen im Rahmen von elementary OS für mit das Beste, was gerade auf dem Linux Desktop passiert (siehe: elementaryOS - Wenigstens eine Vision für den Desktop) aber meiner Meinung nach haben die Entwickler mit Ubuntu die falsche Basis. Die LTS 20.04 ist seit April draußen und eOS 6 weit entfernt von Produktionsreife. Spender haben seit einiger Zeit Einblick in die aktuellen Build-Versionen, allerdings bitten die Entwickler auf ausführlichen Reviews zu verzichten, weshalb ich dazu noch nichts geschrieben habe. Im Sommer hatte ich schon mit Pantheon und Fedora gearbeitet (siehe: Fedora 32 mit Pantheon Shell) aber die Qualität hat hier mit Fedora 33 eher wieder nachgelassen.

Zum Glück erreichte mich eine E-Mail mit dem Hinweis auf ein OBS Projekt, das ich mal ausprobieren könnte. Da ich bekanntermaßen sowieso gerne mit openSUSE arbeite, musste das natürlich getestet werden.

Pantheon für openSUSE

Ein paar Entwickler haben die Pantheon Shell und zentrale Komponenten für openSUSE umgesetzt. Im Gegensatz zu Fedora wurden dabei die GNOME-Abhängigkeiten soweit möglich reduziert, weshalb man im Hintergrund keine GNOME Shell laufen lassen muss. Das ganze Projekt hat (aus welchen Gründen) auch immer keinen offiziellen Status, weshalb die Pantheon Shell nicht direkt in den openSUSE Quellen liegt. Das sollte einen aber nicht abschrecken, da die Umsetzungsqualität wirklich gut ist.

Es gibt Live-Images auf der Homepage, mit denen man sich einen ersten Eindruck verschaffen kann. Zur Installation möchte ich aber den Weg über die offizielle Installationsroutine empfehlen.

Installation

Die openSUSE Installationsroutine ist bekanntermaßen mächtig. Für eine saubere Neuinstallation empfiehlt es sich, einen minimalen Desktop zu installieren. Die Möglichkeit wird bei der Desktopauswahl in der Installationsroutine explizit angeboten. Bei openSUSE bedeutet dies IceWM, LightDM und eine X11-Umgebung. Das ist sowieso als Fallback ratsam, wenn man einen Desktop aus OBS Quellen bezieht.

Die Pantheon Shell steht sowohl aus Aufsatz für openSUSE Leap, als auch für Tumbleweed zur Verfügung. Getestet habe ich Tumbleweed (wegen der Hardware, siehe oben). Es gibt verschiedene Paketquellen, teils mit aktuellen Entwicklungsständen. Für den Produktiveinsatz empfiehlt sich der Stable-Zweig. Hierbei handelt es sich streng genommen um einen Fork mit Anpassungen für openSUSE.

Für die Desktopumgebung fügt man die Pantheon-Paketquelle hinzu und priorisiert sie anschließend höher als die Hauptquellen. Über YaST oder per Kommandozeile installiert man anschließend das Metapaket patterns-pantheon-pantheon. Dieses zieht alle notwendigen Abhängigkeiten nach sich. Hier wurde durch die Entwickler sehr sauber gearbeitet. Ich habe lediglich die Office-Abhängigkeiten abgewählt, weil ich LibreOffice nicht verwende, aber das ist persönliche Geschmackssache.

Es lohnt sich, die Nachinstallationshinweise bei einigen Paketen zu lesen. Die Entwickler weisen hier z. B. darauf hin, wenn Pakete eher experimentell sind oder man händisch nacharbeiten muss. So beispielsweise durch Hinzufügen des Benutzers zur lightdm-Benutzergruppe, damit die Hintergrundbildänderungen übernommen werden.

Nach einem Neustart kann man in LightDM die Pantheon Session auswählen.

Nacharbeiten

Die Qualität der Umsetzung ist wirklich beeindruckend. Für ein vollständiges Look & Feel sollte man aber noch den normalen LightDM-Greeter von openSUSE entfernen. Über YaST oder zypper einfach folgendes Paket mit seinen Abhängigkeiten deinstallieren: lightdm-gtk-greeter. Anschließend nutzt das System automatisch das elementary-Branding.

Das Pantheon-Repo ist schon sehr umfassend. Zur Nachinstallation empfiehlt sich noch elementary-tweaks mit einigen erweiterten Einstellungen und wingpanel-indicator-namarupa für Legacy-Tray-Icons. Beides übrigens Pakete, die bei einem normalen elementary OS nicht so ohne weiteres zur Verfügung stehen.

Zusätzlich gibt es noch eine weitere Paketequelle mit Apps für elementary OS. Bei Bedarf kann man diese zusätzlich ebenfalls einrichten.

Im Arbeitsalltag

Man hört immer wieder "elementary OS ist buggy". Das hängt ganz von der Nutzung ab. Für mich ist die Pantheon Shell das bessere GNOME. Ich muss nahezu nichts an den Konfigurationsvoreinstellungen ändern, um meine präferierte Arbeitsweise abzubilden. Von den zugehörigen Programmen nutze ich aber nur die Basisbestandteile. Dateiverwaltung, Konsole, Bilderverwaltung und den Texteditor Code. Zusätzlich noch den Videoplayer, der als GStreamer Aufsatz solide Arbeit für meine geringen Ansprüche in diesem Bereich verrichtet. Die Programme sind stabil und funktional und nicht so kastriert wie ihre GNOME-Pendants.

Den Rest ergänze ich entweder mit unabhängigen Projekte (Firefox, FileZilla, KeePassXC), proprietärer Software (Softmaker Office, Moneyplex) oder GNOME-Software (Evolution, Déjà Dup, Lollypop). Das GTK-Toolkit sorgt hier für eine sehr gute optische Integration.

Vermisse ich etwas von KDE? Nur zwei Sachen: KDEConnect und Konversation. Ersteres gibt es nicht für die Pantheon Shell und letzteres kann man zwar funktional mit HexChat ersetzen aber schön ist was anderes.

Zusammengefasst

Die Pantheon-Umsetzung für openSUSE ist von sehr hoher Qualität. Es ist unverständlich, warum sie noch nicht in die Hauptquellen übernommen wurde. Durch das Zusammenspiel bekommt man eine hervorragende Basis mit allen Stärken von openSUSE Tumbleweed mit einem sehr guten Desktop. Zudem macht man sich etwas unabhängig von den Eigenlogiken der elementary-Entwicklung, wie z. B. die Fokussierung auf Flatpak oder die schleppenden Releases.

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Tags: Linux, openSUSE, Desktop, elementary OS, Pantheon, Tumbleweed

Ergänzungen zum Artikel

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Zitat :
Die Pantheon-Umsetzung für openSUSE ist von sehr hoher Qualität. Es ist unverständlich warum sie noch nicht in die Hauptquellen übernommen wurde.


Das ist recht einfach zu erklären, aus drei Gründen:

  1. Pantheon wird von einem einzelnen Maintainer gepflegt.
  2. Es gibt eine Reihe von Paketen die (noch) nicht gefixt wurden.
  3. Die Kombination aus 1. und 2. führt (meine Vermutung) dazu, dass der Pantheon-Stack noch nicht in Factory eingereicht wurde - und somit dann halt auch nicht in den offiziellen Paketquellen landet. Vermutlich ist der Maintainer für jede Hilfe dankbar. ;-)

Gerrit
Danke für die Ergänzung! So hat halt jede Distribution ihre eigenen Regeln.

Ein einzelner Maintainer ist zwar nicht schön, aber soweit ich das überblicke keine Seltenheit. Ganze Paketgruppen (auch sehr zentrale) in vielen Distributionen werden nur von 1-2 Maintainern gepflegt.

Diese Regeln sind halt auch dazu da, damit nicht ungepflegte Pakete in den Repositories vor sich hin gammeln wie das bei anderen Distributionen durchaus vorkommt.

Richtig, ein einzelner Maintainer an sich ist nicht per se ein Blocker. Es hängt halt auch davon ab wie viel Zeit derjenige investieren kann und will.

Gerrit
Ich kann das absolut nachvollziehen, mich persönlich stört es auch nicht. Ob ich nun zwei zusätzliche OBS Quellen eingebunden habe oder nicht macht jetzt keinen großen Unterschied.

Ich war nur überracht wegen der subjektiv guten Qualität, die viel besser war als das was z. B. Fedora offiziell über die Paketquellen ausliefert.

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