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openSUSE 13.2 im Test

Früher™ war der Release einer neuen Version von SUSE Linux / openSUSE eines der wichtigsten Ereignisse im Linux Kalendarium. Spätestens seit Ubuntu in der Öffentlichkeit synonym für Linux auf dem Desktop verwendet wird, hat die Distribution mit dem sympathischen Chamäleon als Logo die Position des Marktführers bei den benutzerfreundlichen Distributionen räumen müssen. Dennoch ist openSUSE gerade für KDE-Nutzer eine wichtige Distribution mit eine ganz eigenen Profil, deren Release einen Test verdient.

Ein Jahr Entwicklung

Die Entwicklung von openSUSE sollte eigentlich einem achtmonatigen Rhythmus folgen. Verschiebungen und Neustrukturierungen des Releaseablaufs sind bei openSUSE inwzischen aber mehr die Regel, denn die Ausnahme. Nachdem die Entwicklung von 11.2 fast 12 Monate dauerte, etablierte man den 8-Monats-Rythmus, den man exakt für sechs Versionen einhalten konnte. Die letzten beiden Releases 12.3 und 13.1 haben beide ein höchst positives Echo in der Community hervorgerufen.

Hinter den Kulissen gestaltete sich die Lage wohl aber nicht so entspannt. Die Projektleitung musste den einzelnen Teams zunehmend auf die Füße treten, damit Pakete für einen Release fertig gemacht wurden und einige Pakete waren gänzlich verwaist. Hier gibt es bis heute zwei unterschiedliche Darstellungen der Probleme. Während das Projekt von einer zu intensiven Mitarbeit und zu vielen Maintaintern in zu vielen Projekten spricht, sehen externe Beobachter eher einen Mangel an Mitarbeit und einige tote Projekte. Egal wo die Ursachen zu sehen sind, Anfang des Jahres wurde der Release von 13.2 auf unbestimmte Zeit vertagt. Erstmal sollte die Struktur von openSUSE grundlegend geprüft werden. Ein Rückzug der SUSE GmbH – nach diversen Übernahmen nun wieder formal eigenständig – aus der Betreuung des Community-Ablegers wurde als Gerücht gestreut.

Es hat sich einiges getan. Im Sommer wurde beschlossen aus dem bisherigen Factory-Zweig, ähnlich Debians Testing, eine Rolling Release Version von openSUSE zu machen.Tumbleweed wird im Gegenzug wohl eingestellt. Weitreichende Änderungsvorschläge, die vorsahen nur noch einen Basis-Release herauszugeben, der von den Nutzern um OBS-Zweige ergänzt werden würde, wurden scheinbar verworfen.

Nach nunmehr einem Jahr Entwicklung steht deshalb die Version 13.2 vor der Tür und verdient nach den ganzen Verwerfungen einen intensiven Test.

Der Installer

Die Installationsroutine wurde mit der neuen Version einer grundsätzlichen Überarbeitung unterzogen. OpenSUSE profitiert hier von den Entwicklungen in SUSE Linux Enterprise, dessen 12er-Release sich in der RC-Phase befindet. Meiner Meinung nach hat man hier äußerst gekonnt den Spagat zwischen einer sinnvollen Modernisierung und einer Beibehaltung bewährter Prinzipien hin bekommen.

Nach der obligatorischen Bestätigung der Lizenzen folgt bereits die erste Überraschung. Bei einer frischen Neuinstallation empfiehlt openSUSE eine Partitionierung mittels BtrFS, wobei die Home-Partition (sofern vorhanden)mit XFS partitioniert wird. Damit ist openSUSE die erste Mainstream-Distribution, die standardmäßig auf das seit Ewigkeiten als kommendes Dateisystem gehandelte BtrFS setzt.

dateisystemauswahl

Der Auswahldialog ist dabei bewusst einfach gehalten und bietet auch für Anfänger die notwendigen Optionen. Es ist mit wenigen Mausklicks möglich das gesamte System zu verschlüsseln, oder keine separate Homepartition anzulegen. Dennoch versucht openSUSE immer einen eigenen Weg zu gehen. Im Gegensatz zu Ubuntu setzt man eben nicht auf Optionsminimalismus um Einfachheit zu suggerieren, sondern bietet gesonderte Expertenoptionen, die einem die volle Hoheit über den Partitionierungsprozess geben.

partitionierung expertenmodus

Im nächsten Schritt bekommt man noch einmal die bekannte Zusammenfassung der gewählten Optionen präsentiert. Hier hat man nun die Gelegenheit die Zusammenstellung der Pakete grundlegend zu bearbeiten. Das ist eines der Alleinstellungsmerkmale von openSUSE und macht hochgradig individuelle Installationen möglich. Der Unterschied fällt nicht nur zu Ubuntu auf, das letztlich eine Kopie des Live-Systems auf die Festplatte spiegelt, sondern auch zu Debian. Denn Debian bietet einem nur die Auswahl mit oder ohne Desktop zu installieren. Individualisierte Systeme lassen sich nur über den Aufbau ausgehend von einem Minimalsystem realisieren.

detaillierte softwareauswahl

Für diesen Test habe ich die Auswahl unverändert übernommen, damit ein unverfälschter Blick auf die Standardkonfiguration von openSUSE entsteht. Ansonsten lohnt es sich aber insbesondere die patterns-Pakete gründlich zu prüfen. Dabei handelt es sich um die Meta-Pakete von openSUSE, vergleichbar den task-xxx bei Debian.

Software

Natürlich bringt openSUSE aktualisierte Software in allen Bereichen. Um Google zu füttern, könnte man hier von Kernel x.y und GCC z.x schreiben. Solche Buzzwords spare ich mir hier mal.

Wesentlich für den Desktop ist, dass openSUSE weiterhin eine nahezu perfekte Integration von KDE ausliefert. In der Installationsroutine ist KDE 4 vorausgewählt und wird – sofern man keine manuelle Änderung vornimmt – mit einem ausgewählten Softwarepaket installiert. Vorschauversionen von Plasma 5 und KF5 sind zwar in den Paketquellen enthalten, können aber sinnvollerweise nicht im Installationsvorgang ausgewählt werden. Hier hat openSUSE vom Debakel bei KDE 4 in openSUSE 11.0 gelernt.

KDE wird in doppelter Hinsicht als LTS Version ausgeliefert. Die KDE Workspaces (Plasma, KWin usw.) sind bereits seit vergangenem Jahr in Version 4.11 eingefroren und werden noch ca. ein Jahr mit Fehlerbehebungen versorgt. Die KDE Applications erschienen kürzlich noch einmal in Version 4.14 und sind nun ebenfalls als LTS Version eingefrorenen. Das KDE Projekt befindet sich somit im Übergang zu Version 5, openSUSE-Anwender kommen aber in Genuss einer in jeder Hinsicht bewährten und stabilen 4er Version, die noch einige Zeit gepflegt werden wird. Nachdem openSUSE vor einiger Zeit damit begonnen hat die strikte Beibehaltung der Releaseversion als Richtlinie aufzuweichen, werden Anwender nun auch in den Genuss von Fehlerbehebungsaktualisierungen kommen. In openSUSE 13.1 hat man beispielsweise bisher 12 Aktualisierungen für KWin nachgereicht, nichts spricht dagegen, dass es bei 13.2 anders verlaufen wird. Dies ist vor allem deshalb erfreulich, weil andere Distributionen wie Debian aufgrund strikter Paketrichtlinien lieber nichts nachreichen, oder wie Kubuntu nach ca. 6 Monaten das Interesse an einem Release verlieren und nur noch Sicherheitsaktualisierungen einspielen. Das mag jeweils seine Gründe haben, ist aber für den Nutzer ärgerlich, weil er auf alten Fehlern sitzen bleibt.

KDE ist wie immer um einige kleine Extras ergänzt. Das neue – nun wieder grüne – Design zieht sich durch den gesamten Desktop und auch sonst gibt es kleine nützliche Hilfen. Beispielsweise werden bei der Verkleinerung von Plasma-Leisten die Höhe in Pixel angegeben und das K-Menü ist übersichtlicher strukturiert, als dies von Haus aus der Fall ist. Alle Browser werden so beispielsweise in einer Kategorie Webbrowser gesammelt. Nachdem das KDE-Projekt keinen vernünftigen Browser ausliefern kann, greift man auf Firefox zurück. Hier hat openSUSE ein Addon implementiert, das die Nutzung der nativen KDE-Dialoge ermöglicht. Kubuntu hat dieses Addon als schmutzigen Hack betitelt und aus den Paketquellen verbannt. Das mag die sauberere Lösung sein, für den Nutzer wählt openSUSE aber den angenehmeren Weg.

opensuse standardansicht

Hervorstechend ist wie immer bei openSUSE die Liebe zum Detail. Während Debian und Kubuntu lediglich KDE in seiner mehr oder minder schönen Reinform ausliefern, wechselt openSUSE nicht nur den Desktophintergrund aus, sondern bietet auch ein eigenes Plasmatheme. In Version 13.2 wird die bekannte dunkle Variante um ein Light-Theme ergänzt, das zumindest mir optisch zusagt. Der klare Kontrast zwischen Theme und Systembereich-Icons ist zudem deutlich angenehmer als beim herkömmlichen Air Design.

Die vorinstallierte Software kann man als solide Mischung bezeichnen. Neben den Programmen der KDE Software Compilation (Kontact, Okular, Gwenview, Amarok usw.) zeigt sich openSUSE wenig dogmatisch, indem es auch GIMP und Firefox vorinstalliert. Ein wesentlicher Unterschied zu Kubuntu, das KDE oder zumindest Qt Software gnadenlos bevorzugt. Einige Punkte der Vorauswahl sind jedoch wenig durchdacht oder teilweise gnadenlos konservativ. So wird sowohl Kleopatra, als auch KGPG installiert, die sich in ihren Funktionen überschneiden. Anstelle des deutlich moderneren KDE-Telepathy liefert openSUSE immer noch Kopete aus. Zudem bindet man immer noch Kaffeine ein, dessen Entwicklung lange eingestellt ist und das normalerweise durch Dragonplayer ersetzt wird. Der langjährige openSUSE-Nutzer wird diese konservative Softwareauswahl jedoch vermutlich positiver bewerten.

Die Paketbenennung von openSUSE ist für einen langjährigen Debian-Nutzer allerdings etwas verwirrend. Pakete werden wohl konsequent wie upstream benannt, wohingegen Debian auf Vereinheitlichung setzt. Während bei Debian deshalb z.B. alle Administrationspakete für KDE mit kde-config-xyz beginnen, können diese in openSUSEsynaptiks oder kde-gtk-config heißen. Das ist zwar letztlich Gewohnheit, aber Debians System wirkt konsistenter.

YaST und die Systemeinstellungen

Das Alleinstellungsmerkmal von openSUSE ist und bleibt YaST. Ein Verwaltungswerkzeug, das die Emotionen hoch kochen lässt. Dennoch bleibt es ein unerreichtes Stück Software, da YaST selbst komplexe Systemeinstellungen ohne Konsole ermöglicht. Das vermeintlich so benutzerfreundliche Ubuntu und auch Kubuntu sammeln ja lediglich in der Community vorhandene Einstellungswerkzeuge, die eine teils sehr unterschiedliche Qualität haben. So ist der Partitionierungsmanager bei Kubuntu 14.04 quasi unbrauchbar. YaST ist alt und sieht auch nicht ganz so aus, als ob es in einem Betriebssystem des Jahres 2014 seinen Platz gefunden hätte, aber die einzelnen Werkzeuge funktionieren zuverlässig.

Normalerweise benutze man die Konsole für größere Arbeiten am System, einfach weil sie zuverlässiger erscheint. OpenSUSE bzw. YaST führen einem immer wieder vor Augen, dass die grafischen Werkzeuge der anderen Distributionen lediglich unzureichend sind und die Konsole der GUI keineswegs per se überlegen ist.

yast

Umso unverständlicher bleibt es, dass openSUSE neben der großartigen Softwareverwaltung in YaST auch Apper/PackageKit eingebunden hat. Eine Doppelung die häufiger auftritt, so auch beim YaST-Druckermanager und dem KDE-Printmanager. Letztlich kann sich der Nutzer das bessere Werkzeug aussuchen, aber es verwirrt auch. OpenSUSE täte gut daran auf sein Herzstück zu vertrauen und es nicht hinter anderer – teilweise schlecht gepflegter – Software aus den Weiten der Community zu verstecken.

Fazit

OpenSUSE 13.2 ist ein in jeder Hinsicht gelungener Release, wenngleich es etwas überraschend ist, dass die Unterschiede zur Vorgängerversion nur marginal sind. Vor allem angesichts der heftigen Debatte der letzten Monate. Im Grunde genommen beschränken sich die Änderungen auf Versionsanhebungen in quasi allen Bereichen. Größere strukturelle Änderungen lassen sich bis dato nicht beobachten. Den konservativen Anwender wird es freuen.

Besonders für KDE-Anwender ist dies ein wichtiges Release. Es ermöglicht eine Weiterbenutzung von KDE 4 für die nächsten 18 Monate. Das ist kein Plädoyer gegen die Entwicklung rund um Plasma 5, aber solche Umbrüche gehen keineswegs reibungslos und manch einer wartet lieber ab, bis eine neue Version ein wenig gereift ist. Zumal sich abgesehen von Plasma 5 die Vorteile noch in engen Grenze halten. Zwar wird auch Kubuntu 14.04 LTS und voraussichtlich auch Debian 8.0 “Jessie” KDE 4 mittelfristig unterstützen, aber openSUSE hat mit 13.1 bewiesen, dass es unter Support nicht nur das Schließen von Sicherheitslücken versteht, sondern vom KDE Projekt angebotene Fehlerbehebungen langfristig zurückportiert.

Dank des openSUSE Build Service (OBS) kann man openSUSE 13.2 als Basisbetriebssystem verwenden und trotzdem in den Genuss aktueller Software kommen. Ubuntu bietet mit den PPA’s eine ähnliche Infrastruktur an, die OBS-Quellen sind jedoch subjektiv besser gepflegt und lassen sich einfacher verwalten. Schon alleine weil eine simple Suche in software.opensuse.org einen zur richtigen Stelle führt.

Zudem bleibt openSUSE seinem eigenen Weg treu. Man will eine einfache Distribution bieten, die sich auch an Anfänger richtet. Dabei möchte man aber nicht alle Einstellungsmöglichkeiten verstecken. Die neue Installationsroutine setzt dies vorbildlich um. Verwirrende und teilweise überholte Dialoge wurden abgeschafft. Experten und solchen die sich dafür halten hinter den entsprechenden Schaltflächen aber viele Einstellungsoptionen gelassen.

Eigentlich ist es unverständlich, das openSUSE mittlerweile eine so geringe Bedeutung unter den Linux-Distributionen hat.


Siehe auch: openSUSE 13.2 im Langzeittest

Tags: Linux, Distribution, openSUSE, Test

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